Martin Singer · Erste Online-Ausgabe · 2026

PIRATS OF CROATIA

Freiheit, das Meer und die Suche nach dem eigenen Weg

Eine einzelne Segelyacht liegt auf ruhigem Wasser vor der untergehenden Sonne.

Prolog – Ich bin noch unterwegs

6:39 Uhr.

Ich bin wach. Die anderen schlafen noch.

Ich sitze mit meinem Kaffee auf Lady Cordula und schaue hinaus aufs Wasser.

Wir liegen in einer Bucht an der Ostküste von Cres.

Am Vortag waren wir in Trget gestartet. Nur eine kurze erste Etappe. Ankommen. Das Boot kennenlernen. Ankern. Essen.

Es hatte geregnet.

Jana und Dragan hatten Nudeln mit Fleischsoße gemacht. Ich war beinahe vierundzwanzig Stunden auf den Beinen gewesen und irgendwann einfach in meiner Koje verschwunden.

Jetzt ist es ruhig.

Leichter Wind.

Wasser.

Die Crew schläft.

Und ich habe meinen ersten Kaffee des Tages.

Eigentlich passiert überhaupt nichts.

Kein Sturm.

Kein schwieriges Manöver.

Keine Geschichte, bei der später jemand sagt:

„Weißt du noch?“

Vielleicht gefällt mir dieser Moment gerade deshalb.

Auf dem Meer müssen nicht ständig spektakuläre Dinge passieren.

Manchmal reicht es, früh aufzuwachen, einen Kaffee in der Hand zu haben und für ein paar Minuten nirgendwo anders sein zu wollen.

Ich sitze da und denke:

Genau so ist es gut.

Lady Cordula ist eine Bavaria C46.

Sie gehört Andi.

Noch einige Zeit vorher hatte ich keine Ahnung, dass ich einmal als Skipper auf diesem Boot sitzen würde.

Ich hatte Charterboote gesucht, Törns organisiert, Menschen mitgenommen und versucht, aus Pirats of Croatia Schritt für Schritt etwas aufzubauen.

Dann kam Andi.

Eine Nachricht.

Ein Boot.

Und plötzlich eine Möglichkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Jetzt sitze ich hier.

Auf seinem Boot.

Mit einer Crew.

In Kroatien.

Und wenn ich darüber nachdenke, wie ich hier gelandet bin, sehe ich keinen geraden Weg.

Das passt eigentlich ganz gut.

Denn gerade Wege waren nie meine Spezialität.

Am Anfang stand auch kein großer Lebensplan.

Nur ein See in Tirol.

Der Achensee.

Ich war dort mit meiner damaligen Frau spazieren.

Auf dem Wasser waren Segelboote.

Ich blieb stehen und sah hinaus.

Und irgendwann sagte ich:

„Das will ich auch machen.“

Mehr war es nicht.

Ich sah Segelboote.

Und wollte segeln.

Also lernte ich es.

Damals wusste ich nicht, dass das Segeln wieder aus meinem Alltag verschwinden würde. Ich wusste auch nicht, dass es Jahre später zurückkommen würde.

Ich wusste nichts von Kroatien.

Nichts von Charterbooten.

Nichts von Pirats.

Nichts von Lady Cordula.

Ich wusste nur:

Das will ich auch machen.

Viele Jahre später sitze ich mit diesem Kaffee in einer Bucht vor Cres.

Dazwischen liegt ein Leben, das ich damals nicht hätte planen können.

Berufe.

Familie.

Eine Scheidung.

Musik.

Tauchen.

Kitesurfen.

Straßen.

Wasser.

Menschen, die kamen.

Menschen, die wieder gingen.

Ideen, die verschwanden.

Und andere, die plötzlich zurückkamen.

Manche Entscheidungen waren gut. Andere würde ich heute vielleicht anders treffen. Und manches, das zunächst wie ein Umweg aussah, brachte mich Jahre später an einen Ort, an dem ich gerne war. Nur wusste ich das unterwegs nicht.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Auf einem Segelboot kann man eine Route planen.

Man schaut aufs Wetter.

Legt einen Kurs fest.

Wählt ein Ziel.

Und trotzdem kann ein paar Stunden später alles anders aussehen.

Der Wind ändert sich.

Das Wetter ändert sich.

Eine Crew wird müde.

Ein Hafen passt nicht.

Dann entscheidet man neu.

Manchmal fährt man weiter.

Manchmal ändert man den Kurs.

Und manchmal dreht man um.

Das Ziel verschwindet deshalb nicht automatisch.

Nur der Weg dorthin sieht anders aus.

Wenn ich heute auf mein Leben schaue, kommt mir das ziemlich bekannt vor.

Später an diesem Morgen werden die anderen aufstehen.

Wir werden das Wetter anschauen.

Überlegen, wohin wir fahren.

Segel setzen.

Oder den Motor starten.

Vielleicht ändern wir den Plan unterwegs.

Ich weiß es noch nicht.

Und erstaunlicherweise stört mich das nicht.

Ich weiß auch nicht genau, wie sich Pirats weiterentwickeln wird.

Wie viel Zeit ich eines Tages wirklich in Kroatien verbringen werde.

Welche Menschen noch an Bord kommen.

Welche Möglichkeiten entstehen.

Und welche wieder verschwinden.

Früher hätte mich dieses Nichtwissen wahrscheinlich mehr beschäftigt.

Heute reicht mir oft eine Richtung.

Man muss nicht schon jeden Hafen kennen.

Ich nehme einen Schluck Kaffee.

Vor mir liegt das Wasser.

Irgendwo weit hinter mir steht noch immer dieser junge Mann am Achensee und schaut Segelbooten zu.

„Das will ich auch machen.“

Ich habe es gemacht.

Und daraus wurde mehr, als ich damals hätte ahnen können.

Wie viel mehr noch daraus wird, weiß ich nicht.

Meine Geschichte ist nicht fertig.

Der Kurs ist nicht zu Ende.

Ich bin noch unterwegs.

Zum Inhaltsverzeichnis

Teil I – Bevor das Meer zurückkam

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Das will ich auch machen

Ich bin 1973 geboren und in Tirol aufgewachsen.

Das Meer gehörte nicht zu meinem Alltag.

Berge schon.

Wenn ich damals an Freiheit dachte, dachte ich auch nicht an Segelboote oder einsame Buchten irgendwo in Kroatien. Ich dachte ans Unterwegssein.

An Straßen.

An neue Orte.

An die große Welt.

Nur wusste ich noch nicht, wie ich dorthin kommen sollte.

Zuerst wollte ich Automechaniker werden. Ich begann eine Lehre und brach sie wieder ab.

Danach machte ich eine Ausbildung zum Bäcker.

Später arbeitete ich bei der Stubaier Gletscherbahn als Liftbediensteter.

Nicht, weil ich damals schon meine große Leidenschaft für Seilbahnen entdeckt hätte.

Der Grund war wesentlich praktischer.

Ich wollte meinen Führerschein machen.

Und den Lkw-Schein.

Seit meiner Schulzeit hatte ich davon geträumt, Lastwagen zu fahren. Für mich bedeutete das: unterwegs sein. Nicht jeden Tag am selben Ort. Etwas von der Welt sehen.

Dafür brauchte ich Geld.

Also arbeitete ich am Lift, sparte und machte schließlich beide Führerscheine.

Danach ging es tatsächlich los.

Ich wurde Lkw-Fahrer.

Natürlich sah die große Freiheit hinter dem Lenkrad etwas anders aus als in meiner Vorstellung.

Lkw-Fahren bedeutete nicht einfach nur:

Motor an und hinaus in die Welt.

Es bedeutete Termine, Verkehr, lange Tage, Verantwortung und Müdigkeit.

Trotzdem mochte ich dieses Unterwegssein.

Ich hatte ein Ziel.

Eine Strecke.

Ich fuhr los und kam irgendwo an.

Das passte zu mir.

In dieser Zeit lernte ich auch die Frau kennen, die später meine Frau wurde.

Wir heirateten.

Wir bekamen einen Sohn.

Aus meinem Leben, das vorher vor allem aus Arbeit und Unterwegssein bestanden hatte, wurde nach und nach etwas anderes.

Familie.

Verantwortung.

Alltag.

Meine Frau und ich betrieben außerdem gemeinsam Network Marketing. Wir waren viel unterwegs und beschäftigt.

Es war ein volles Leben.

Vielleicht sogar zu voll für manche Dinge.

Aber das wusste ich damals noch nicht.

Denn irgendwo mitten in diesem Leben tauchte zum ersten Mal etwas auf, das viele Jahre später noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommen sollte.

Das Segeln.

Ich war mit meiner Frau am Achensee spazieren.

Mehr war es eigentlich nicht.

Ein Spaziergang.

Auf dem Wasser waren Segelboote unterwegs.

Ich blieb stehen und sah ihnen zu.

Vielleicht kennt jeder solche Momente.

Man sieht etwas, das einen plötzlich interessiert, obwohl man fünf Minuten vorher noch überhaupt nicht darüber nachgedacht hat.

Bei mir war es genau so.

Ich schaute aufs Wasser und sagte:

„Das will ich auch machen.“

Keine lange Diskussion.

Kein Traum, den ich seit meiner Kindheit mit mir herumgetragen hätte.

Ich sah Segelboote.

Und wollte segeln.

Also begann ich damit.

Ich verbrachte in der Folge Wochen und Monate am Achensee.

Ich hatte Glück mit meinem Trainer.

Er brachte uns nicht nur bei, wie man bei schönem Wetter mit einem Boot über einen See fährt.

Wir gingen auch hinaus, wenn es unangenehm wurde.

Eine dieser Fahrten ist mir bis heute besonders geblieben.

Das Wetter war schlecht.

Es hagelte.

Und wir waren das einzige Segelboot draußen.

Heute könnte man natürlich fragen:

Warum fährt man bei so einem Wetter überhaupt hinaus?

Damals war genau das Teil der Ausbildung.

Mein Trainer sagte sinngemäß zu mir:

„Wenn du irgendwann eines Tages auf dem Meer unten segelst, kannst du auch nicht einfach an Land gehen und dich in einen trockenen Raum setzen. Da musst du auch durch.“

Dieser Satz blieb hängen.

Nicht deshalb, weil ich daraus gelernt hätte, schlechtes Wetter zu ignorieren.

Ganz im Gegenteil.

Viele Jahre später würde ich auf dem Meer lernen, dass ein guter Skipper manchmal gerade dadurch Verantwortung übernimmt, dass er nicht weiterfährt.

Dass er einen Plan ändert.

Dass er umdreht.

Dass er Nein sagt.

Aber mein Trainer hatte mit etwas anderem recht:

Segeln besteht nicht nur aus Sonne, blauem Wasser und schönen Bildern.

Wenn du ein Boot führst, kannst du nicht bei jedem unangenehmen Moment sagen:

Jetzt habe ich keine Lust mehr.

Du musst verstehen, was passiert.

Du musst Entscheidungen treffen.

Und du musst Verantwortung übernehmen.

Damals ging es nur um mich und ein Boot am Achensee.

Später würden Menschen dazukommen.

Eine Crew.

Das Meer.

Und wesentlich größere Boote.

Davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt nichts.

Ich lernte segeln.

Und ich mochte es.

Dieses Zusammenspiel aus Wind und Boot.

Das Gefühl, wenn der Motor keine Rolle spielt und nur noch der Wind bestimmt, wie schnell man unterwegs ist.

Kurs halten.

Segel einstellen.

Reagieren.

Es war etwas völlig anderes als Lkw-Fahren.

Und trotzdem hatte beides etwas gemeinsam.

Bewegung.

Unterwegs sein.

Nur dass es diesmal keine Straße gab.

Später, als mein Sohn alt genug war, nahm ich auch ihn ein paarmal mit zum Segeln.

Das sind Erinnerungen, die geblieben sind.

Aber irgendwann wurde es weniger.

Nicht plötzlich.

Es gab keinen Tag, an dem ich sagte:

Ab heute segle ich nicht mehr.

Das Leben wurde einfach voller.

Arbeit.

Familie.

Termine.

Network Marketing.

Lkw.

Es gab immer etwas, das wichtiger oder dringender erschien.

Und irgendwann merkte ich, dass das Segeln kaum noch vorkam.

So verschwinden manche Dinge aus einem Leben.

Nicht mit einem großen Abschied.

Sie werden einfach immer seltener.

Bis sie irgendwann nur noch eine Erinnerung sind.

Der Achensee blieb natürlich dort, wo er war. Und auch das Segeln war nicht wirklich verschwunden. Nur ich hatte gerade keinen Platz mehr dafür.

Damals dachte ich nicht viel darüber nach. Das Leben ging weiter. Andere Dinge wurden wichtiger.

Ich konnte nicht wissen, dass ausgerechnet diese Erfahrung Jahre später noch einmal eine große Rolle spielen würde. Zu diesem Zeitpunkt war Segeln einfach etwas, das ich eine Zeit lang mit Begeisterung gemacht hatte und dann immer seltener. Es verschwand erst einmal in den Hintergrund.

Aber das Wasser ließ mich offenbar nicht ganz los.

Es kam nur auf eine andere Art zurück.

Und dafür musste ich ausgerechnet zu einem Seminar nach München.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 2 – Wieder auftauchen

München.

Ein Seminar.

Anzug, Gespräche, Menschen in einem Raum – und mir war heiß.

Ich habe Anzüge nie besonders gerne getragen. An diesem Tag machte die Hitze die Sache nicht besser.

Irgendwann bemerkte ich einen Geruch.

Chlor.

Nicht stark.

Aber eindeutig.

Irgendwo in diesem Gebäude musste Wasser sein.

Und plötzlich interessierte mich das wesentlich mehr als das Seminar.

Also sagte ich:

„Ach, ich muss mal schnell auf die Toilette, ich komme dann wieder.“

Ich ging hinaus.

Nur nicht zur Toilette.

Ich folgte dem Chlorgeruch.

Eine Treppe führte nach unten.

Dort war eine kleine Bar.

Und dann sah ich diese riesigen Fenster.

Fast wie Bullaugen.

Dahinter: Wasser.

Ein Tauchbecken.

Menschen mit Tauchausrüstung schwebten darin.

Ich blieb stehen.

Oben saßen die anderen im Seminar.

Hier unten bewegten sich Menschen durch das Wasser.

Und ich stand noch immer im Anzug davor und dachte:

„Boah Alter, wäre das jetzt cool bei dieser Hitze raus aus dem Zeug und nur ins Wasser zu springen.“

Das Seminar hatte in diesem Moment ernsthafte Konkurrenz bekommen.

Jemand sprach mich an.

Wir kamen ins Gespräch.

Ich fragte, wie das mit dem Tauchen funktionierte, was man dafür brauchte und ob man es ausprobieren konnte.

Am Ende hatte ich einen Termin.

Eine Woche später war ich wieder in München.

Diesmal nicht wegen eines Seminars.

Ich machte meinen Tauchschein.

Das Tauchen faszinierte mich sofort.

Unter Wasser veränderte sich alles.

Geräusche wurden weniger.

Bewegungen langsamer.

Und plötzlich hörte ich meinen eigenen Atem so deutlich wie sonst kaum irgendwo.

Einatmen.

Ausatmen.

Blasen steigen nach oben.

Mehr braucht es manchmal nicht, damit der Rest der Welt für eine Weile weit weg ist.

Ich fuhr danach häufig nach München zum Indoor-Tauchen.

Manchmal ging es auch an den Starnberger See.

Mit der Zeit war ich gelegentlich auch mit Schnuppertauchern im Wasser.

Menschen, die zum ersten Mal wissen wollten, wie es sich anfühlt, unter Wasser durch einen Automaten zu atmen.

Ich mochte diese Zeit.

Nach dem Segeln am Achensee war wieder Wasser in meinem Leben.

Nur anders.

Beim Segeln war ich auf dem Wasser gewesen.

Jetzt war ich darunter.

Damals sah ich darin noch keinen Zusammenhang.

Es waren einfach Dinge, die mir Spaß machten.

Und wie schon beim Segeln passierte irgendwann dasselbe:

Es wurde weniger.

Nicht weil ich plötzlich keine Freude mehr daran hatte.

Das Leben war einfach voll.

Arbeit.

Familie.

Termine.

Irgendwann fuhr ich seltener nach München.

Die Tauchgänge wurden weniger.

Und auch das Tauchen rückte langsam in den Hintergrund.

Es gab keinen letzten Tauchgang, bei dem ich aus dem Wasser stieg und wusste:

Das war es.

Solche Dinge enden im wirklichen Leben oft unspektakulärer.

Man macht sie immer seltener.

Bis man irgendwann merkt, dass schon lange Zeit vergangen ist.

Währenddessen veränderte sich mein privates Leben.

Meine Frau und ich hatten uns über die Jahre immer weiter auseinandergelebt.

Das passierte nicht an einem einzigen Tag.

Zumindest nicht der Teil davor.

Es war Alltag.

Arbeit.

Unterschiedliche Interessen.

Dinge, über die man vielleicht nicht ausreichend spricht.

Wir gaben uns gegenseitig Freiheiten.

Sie ging donnerstags tanzen oder mit Freunden aus.

Ich ging ebenfalls aus.

Jeder hatte seinen Bereich.

Zu dieser Zeit arbeitete ich vorübergehend nicht mehr als Lkw-Fahrer, sondern als Mischmeister in einem Betonwerk.

Dort arbeitete auch ein Fahrer, den meine Frau über ihre Tanzabende kennengelernt hatte.

Mit der Zeit bekam ich das Gefühl, dass zwischen den beiden mehr war, als mir gesagt wurde. Was genau wann passierte, kann ich heute nicht für jede einzelne Situation belegen.

Aber ich wusste damals:

Etwas stimmt nicht.

Dann kam dieser Morgen.

Wir frühstückten.

Für mich war es zunächst ein normaler Tag.

Ich fuhr zur Arbeit.

Als ich später nach Hause kam, standen meine Koffer vor der Tür.

Innerhalb weniger Stunden war mein bisheriges Leben ein anderes geworden.

Nach meiner Erinnerung zog der neue Partner meiner Frau noch am selben Tag ein.

Ich selbst zog zurück zu meinen Eltern.

Wenn ich das heute so aufschreibe, klingt es beinahe wie eine Szene aus einem Film.

Morgens Frühstück.

Abends Koffer vor der Tür.

Schnitt.

Neues Leben.

Nur gibt es diesen Schnitt nicht, wenn man selbst darin steckt.

Du fährst nicht einfach in die nächste Szene.

Du bleibst erst einmal genau dort.

Mit Fragen.

Mit Wut.

Mit Enttäuschung.

Mit diesem Gefühl, dass dir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Ich verließ das Betonwerk.

Bei meiner früheren Lkw-Firma konnte ich sofort wieder anfangen.

Also saß ich wieder im Lkw.

Das war wenigstens eine Welt, die ich verstand.

Motor starten.

Losfahren.

Arbeiten.

Ein Ziel haben.

Ankommen.

Privat wusste ich wesentlich weniger genau, wo es hingehen sollte.

Die Scheidung wurde sehr konfliktreich.

In dieser Zeit wurden an meinem Lkw Reifen beschädigt und Scheiben eingeschlagen. Wer dafür verantwortlich war, kann ich nicht als Tatsache behaupten. Ich weiß nur, dass es passiert ist.

Und dass es in einer ohnehin belastenden Zeit nicht gerade dabei half, zur Ruhe zu kommen.

Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich für mich nur noch drei Möglichkeiten sah.

Die erste war die dunkelste.

„Entweder ich mache meinem Dasein Schluss.“

Die zweite:

Ich beginne zu trinken.

Und die dritte:

Ich gehe unter Menschen und versuche, wieder Spaß am Leben zu haben.

Heute schreibe ich diese Sätze mit vielen Jahren Abstand.

Damals war dieser Abstand nicht da.

Der Gedanke, mein Leben zu beenden, war keine große dramatische Geste. Er zeigte nur, wie aussichtslos sich meine Situation in diesem Moment für mich anfühlte.

Ich entschied mich für die dritte Möglichkeit.

Raus.

Unter Menschen.

Nicht alleine zuhause sitzen und immer wieder dieselben Gedanken drehen.

Ich wollte wieder etwas erleben.

Vielleicht war es keine besonders durchdachte Entscheidung.

Aber sie war wichtig.

Denn sie führte mich zur Musik.

Musik hatte mich schon lange begeistert.

Ein Lied kann einen Raum innerhalb weniger Sekunden verändern.

Menschen, die eben noch miteinander reden, stehen plötzlich auf der Tanzfläche.

Andere singen mit.

Ein Titel erinnert jemanden an einen bestimmten Sommer.

Ein anderer funktioniert an diesem Abend überhaupt nicht, obwohl man sicher war, dass er funktionieren müsste.

Als ich damals häufiger ausging, kam ich mit einem DJ ins Gespräch.

Irgendwann meinte er zu mir:

Warum probierst du es nicht selbst?

Auflegen.

Ich?

Warum eigentlich nicht?

Gerade hatte ein neues Lokal eröffnet.

Ich stellte mich dort vor.

Und bekam die Möglichkeit, es auszuprobieren.

Natürlich war ich am Anfang neu.

Ich musste lernen.

Nicht nur Technik.

Menschen.

Welche Musik funktioniert gerade?

Wann lässt man einen Titel laufen?

Wann wechselt man?

Wann kippt die Stimmung?

Wann braucht der Raum Energie?

Und wann ist es besser, nicht zu viel zu machen?

Ein DJ kann den ganzen Abend auf sein Mischpult starren.

Dann übersieht er allerdings das Wichtigste.

Die Tanzfläche.

Dort siehst du, ob du die Menschen erreichst.

Du merkst, wenn du sie verlierst.

Und du lernst mit der Zeit, einen Raum zu lesen.

Genau das faszinierte mich.

Ich versuchte damals auch, über eine Agentur an weitere Aufträge zu kommen.

Dort sagte man mir zunächst sinngemäß:

Du bist noch neu.

Das stimmte.

Also machte ich weiter.

Ich legte im Lokal auf.

Sammelte Erfahrung.

Die Leute kamen.

Sie tanzten.

Mit der Zeit wurde ich dort bekannter.

Und irgendwann meldete sich genau diese Agentur wieder bei mir.

Jetzt hätten sie Interesse gehabt.

Diesmal sagte ich ab.

Ich hatte meinen Platz gefunden.

Das Lokal passte zu mir.

Ich hatte mein Publikum.

Warum sollte ich weg?

Aus einem Versuch war etwas geworden, das mich viele Jahre begleiten sollte.

Auf der einen Seite mein Beruf.

Lkw.

Auf der anderen Seite Musik.

DJ.

Zwei völlig unterschiedliche Welten.

Und trotzdem passten beide zu mir.

Ich war unterwegs.

Nur auf unterschiedliche Weise.

Beim Lkw bewegte ich mich über Straßen.

Beim Auflegen bewegte sich ein ganzer Raum.

Vor allem aber gab mir die Musik in dieser Phase wieder etwas, das ich dringend gebraucht hatte.

Menschen.

Energie.

Abende, auf die ich mich freuen konnte.

Das Gefühl, dass mein Leben nicht nur aus dem bestand, was gerade auseinandergebrochen war.

Und dann kam noch etwas dazu.

Mein Cousin.

„Martin, jetzt komm mal raus, ich nehme dich mal mit zum Kitesurfen.“

Ich war nicht sofort Feuer und Flamme.

Er musste mich ein bisschen überreden.

Aber irgendwann ging ich mit.

Und da war es wieder.

Wasser.

Diesmal weder unter einem Segelboot noch über meinem Kopf beim Tauchen.

Diesmal hing ich an einem Kite.

Wind.

Board.

Wasser.

Und am Anfang natürlich die Erkenntnis, dass etwas, das bei anderen leicht aussieht, nicht automatisch leicht ist.

Wie kontrolliere ich den Kite?

Wie reagiert er?

Was passiert bei mehr Wind?

Wie komme ich überhaupt aufs Board?

Ich machte einen Kurs.

Dann begann ich regelmäßig zu fahren.

Oft nach Italien.

Wochenenden.

Camping.

Kitesurfen.

Spaß.

Wenn ich nicht als DJ arbeitete, war ich häufig irgendwo unterwegs.

Diese Zeit tat mir gut.

Nicht in dem Sinn, dass plötzlich alles vergessen oder erledigt gewesen wäre.

So funktioniert das nicht.

Aber mein Leben bestand wieder aus mehr als der Vergangenheit.

Ich hatte Dinge vor.

Ich traf Menschen.

Ich fuhr weg.

Ich hatte wieder etwas, auf das ich mich freute.

Musik.

Wasser.

Bewegung.

Nach vorne.

Vielleicht war genau das damals das Wichtigste.

Irgendwann kam ein Arbeitskollege mit einer Idee.

Urlaub.

Wir sollten gemeinsam wegfahren.

Zunächst stand Bulgarien im Raum.

Dann wurde daraus Kroatien.

Novalja.

Zrće.

Party.

Wir fanden noch zwei Kollegen.

Damit waren wir zu viert.

Eine Woche Ferienwohnung.

Meer.

Sommer.

Ein ganz normaler Urlaub unter Arbeitskollegen.

Zumindest war das der Plan.

Denn kaum war Kroatien beschlossen, kam mir ein anderer Gedanke.

Wenn du schon am Meer bist, warum gehst du nicht segeln?

Der Achensee lag lange zurück.

Aber offenbar war das Segeln nie vollständig verschwunden.

Es hatte nur irgendwo gewartet.

Also begann ich zu recherchieren.

Ich hatte Segelerfahrung.

Aber ein Tiroler See und die kroatische Küste sind nicht dasselbe.

Ich wollte wissen, was ich brauchte, wenn ich dort selbst ein Boot führen wollte.

Bei meiner Suche stieß ich auf einen Kurs für das kroatische Küstenpatent.

Und ausgerechnet dieser Kurs fand während unserer Urlaubswoche statt.

Das passte.

Also meldete ich mich an.

Einem meiner Kollegen erzählte ich davon.

Er sagte:

Da mache ich mit.

Damit bekam unser Partyurlaub einen etwas eigenartigen Stundenplan.

Während die anderen Urlaub machten, saßen wir über Seekarten.

Knoten.

Navigation.

Theorie.

Vorschriften.

Alles in wenigen Tagen.

Es war intensiv.

Aber je mehr ich lernte, desto klarer wurde mir:

Wenn ich diese Prüfung bestehe, möchte ich daraus auch etwas machen.

Und irgendwann sagte ich zu meinen Kollegen:

„Wenn wir das nächste Mal nach Kroatien kommen, dann kommen wir her, aber nicht mit dem Auto, sondern mit dem Boot.“

Ein Satz, schnell gesagt.

Urlaub.

Gute Stimmung.

Neue Idee.

Man könnte ihn genauso gut vergessen.

Zurück zuhause kommt der Alltag.

Dann wird aus:

„Nächstes Jahr machen wir das“

sehr leicht:

„Das müssten wir irgendwann einmal machen.“

Bei mir blieb der Satz hängen.

Am letzten oder vorletzten Tag der Urlaubswoche stand die Prüfung an.

Ich bestand das Küstenpatent.

Damit hatte sich etwas verändert.

Vorher war das Segeln in Kroatien nur ein Gedanke gewesen.

Jetzt hatte ich die Berechtigung.

Die Erfahrung vom Achensee.

Und einen Satz, den ich großspurig genug ausgesprochen hatte, dass ich ihn nicht einfach vergessen wollte.

„Leute, nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Auf der Heimfahrt dachte ich noch immer daran.

Denn jetzt kam der schwierigere Teil.

Reden konnte ich.

Die Frage war:

Mache ich es wirklich?

Ich begann kaum zuhause angekommen nach Charterbooten zu suchen.

Zum Inhaltsverzeichnis

Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot

Luftaufnahme einer Segelyacht vor einer bewaldeten Felsküste.
Vor einer bewaldeten Felsküste.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 3 – Leinen los

Kaum war ich wieder in Tirol, begann ich zu suchen.

Charterboote.

Preise.

Marinas.

Versicherungen.

Ausrüstung.

Plötzlich merkte ich, wie groß der Unterschied zwischen einem Satz im Urlaub und einem echten Segeltörn war.

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Das war schnell gesagt.

Jetzt brauchte ich tatsächlich eines.

Dazu eine Crew.

Dokumente.

Crewliste.

Versicherung.

Anreise.

Lebensmittel.

Und ungefähr hundert kleine Entscheidungen, an die man vorher nicht denkt.

Wer schläft wo?

Was ist bereits an Bord?

Was müssen wir selbst mitnehmen?

Wie läuft die Übergabe?

Was braucht man eine Woche lang wirklich?

Und was nimmt man garantiert mit, nur um es sieben Tage später unbenutzt wieder nach Hause zu tragen?

Je konkreter die Reise wurde, desto deutlicher kam noch eine andere Frage dazu.

Bin ich wirklich bereit, dafür die Verantwortung zu übernehmen?

Ich hatte Segelerfahrung vom Achensee.

Ich hatte jetzt das Küstenpatent.

Aber ein Schein macht aus einem Menschen nicht automatisch einen erfahrenen Skipper.

Das wusste ich.

Trotzdem wollte ich fahren.

Also organisierte ich weiter.

Nach meinen damaligen Aufzeichnungen war unser erstes Charterboot eine Bavaria 42.

Für mich fühlte sie sich jedenfalls groß an.

Sehr groß.

Und ich sollte sie fahren.

Zur Crew gehörten Familienmitglieder, Freunde und Bekannte.

Je näher die Abreise kam, desto mehr nahm die Sache Gestalt an.

Lebensmittel.

Gepäck.

Bettzeug.

Kochsachen.

Unterlagen.

Versicherung.

Immer wieder fiel mir noch etwas ein.

Heute läuft so eine Vorbereitung wesentlich routinierter.

Damals war vieles Premiere.

Irgendwann war trotzdem alles so weit.

Wir fuhren nach Kroatien.

Nach Pula.

Zur Marina Veruda.

Und plötzlich stand ich dort zwischen all den Yachten und dachte:

Jetzt wird es ernst.

Wir kamen am Vormittag an.

Das Boot konnten wir erst später übernehmen.

Also warteten wir.

Schon eine Marina war für mich damals eine eigene Welt.

Menschen schoben Einkaufswagen über die Stege.

Andere trugen Taschen von Bord.

Motoren liefen.

Leinen wurden geworfen.

Masten bewegten sich im Wind.

Crews standen vor ihren Yachten und versuchten herauszufinden, wohin mit all dem Zeug, das sie für eine Woche mitgebracht hatten.

Andere wirkten, als hätten sie das schon hundertmal gemacht.

Ich eindeutig nicht.

Dann ging es ins Charterbüro.

Dokumente.

Formalitäten.

Unterschriften.

Schließlich die Bootsübergabe.

Ein Mitarbeiter führte uns durch die Yacht.

Toiletten.

Wassertanks.

Elektrik.

Motor.

Rettungswesten.

Sicherheitsausrüstung.

Instrumente.

Ventile.

Systeme.

Wo ist was?

Wie funktioniert was?

Was muss man beachten?

Ich versuchte, mir möglichst viel zu merken.

Denn irgendwann ging dieser Mitarbeiter vom Boot.

Und dann waren wir dran.

Wir räumten ein.

Taschen.

Getränke.

Lebensmittel.

Persönliche Sachen.

Auf einem Segelboot lernt man ziemlich schnell, warum „Das legen wir einmal hier hin“ keine besonders gute Dauerlösung ist.

Sobald sich das Boot bewegt, bewegen sich sonst auch Dinge, die eigentlich nicht dafür gedacht waren.

Irgendwann war alles halbwegs verstaut.

Dann kam der Moment, vor dem ich den größten Respekt hatte.

Ablegen.

Die Boote lagen eng.

Neben uns andere Yachten.

Leinen.

Mooring.

Steg.

Wenig Platz.

Ich erklärte der Crew noch einmal, wer welche Aufgabe hatte.

Wer nimmt welche Leine?

Wann wird sie gelöst?

Wann noch nicht?

Und vor allem:

Niemand macht plötzlich irgendetwas, nur weil er glaubt, gerade eine besonders gute Idee zu haben.

Motor an.

Ich stand am Steuer.

Jetzt war die Nervosität da.

Nicht panisch.

Aber deutlich.

Ein Küstenpatent hilft einem in diesem Moment vor allem insofern, als man weiß, was man tun sollte.

Tun muss man es trotzdem selbst.

Ich gab die Kommandos.

Die Leinen wurden gelöst.

Langsam bewegte sich das Boot aus dem Liegeplatz.

Ich dachte nicht an Novalja.

Nicht an Medulin.

Nicht an die ganze Woche.

Nur an die nächsten Meter.

Abstand.

Wind.

Andere Boote.

Wie reagiert die Yacht?

Langsam.

Kontrolliert.

Erst aus dem Liegeplatz.

Dann aus der Marina.

Und irgendwann lag Veruda hinter uns.

Vor uns wurde das Wasser offen.

Die Anspannung veränderte sich.

Wir waren draußen.

Jetzt kam der Moment, wegen dem ich überhaupt hier war.

„Und jetzt setzen wir die Segel.“

Die Segel gingen hoch.

Wir stellten sie ein.

Dann schaltete ich den Motor aus.

Plötzlich war dieses gleichmäßige Brummen weg.

Nur noch Wind.

Wasser.

Das Boot.

Und irgendwo in meinem Kopf war wieder der Achensee.

„Das will ich auch machen.“

Jetzt machte ich es.

Nicht auf einem Tiroler See.

Auf der Adria.

Mit einer Crew.

Und mit einem Boot, für das ich verantwortlich war.

Was daraus später einmal entstehen würde, wusste ich nicht.

In diesem Moment war es auch völlig egal.

Wir segelten.

Unser erstes Ziel war Medulin.

Keine riesige Etappe.

Das war gut so.

Am ersten Tag musste niemand beweisen, wie weit wir fahren konnten.

Die Crew sollte sich an das Boot gewöhnen.

Und ich ebenfalls.

Wie reagiert diese Yacht?

Wie fühlt sie sich unter Motor an?

Wie unter Segeln?

Was passiert bei einem Manöver?

Man kann ein Boot bei der Übergabe erklärt bekommen.

Kennenlernen muss man es trotzdem draußen.

In Medulin kam gleich die nächste Premiere.

Ankern.

In der Theorie klingt das angenehm einfach.

Geeigneten Platz suchen.

Anker runter.

Kette geben.

Prüfen.

Fertig.

Nur möchte man anschließend auch wirklich wissen, ob dieses „fertig“ stimmt.

Wir suchten unseren Platz.

Wassertiefe.

Abstand zum Land.

Abstand zu anderen Booten.

Wind.

Dann Anker runter.

Kette raus.

Langsam rückwärts Zug aufbauen.

Prüfen.

Ich war nicht zufrieden.

Also wieder hoch.

Noch einmal.

Neuer Versuch.

Anker runter.

Kette.

Prüfen.

Irgendwann hielt er so, dass ich zufrieden war.

Motor aus.

Da lagen wir.

Unsere erste Nacht vor Anker.

Auf dem Meer.

Eigentlich hätte jetzt der entspannte Teil beginnen können.

Eigentlich.

Wir waren müde.

Fahrt nach Kroatien.

Bootsübernahme.

Einräumen.

Ablegen.

Erste Etappe.

Ankern.

Irgendwann gingen alle schlafen.

Ich auch.

Nur schlief ich nicht besonders ruhig.

Immer wieder kam dieselbe Frage.

Hält der Anker?

Ich stand auf.

Schaute hinaus.

Wo ist die Küste?

Hat sich unsere Position verändert?

Alles gut.

Wieder hinlegen.

Eine Weile schlafen.

Dann wieder:

Hält er wirklich?

Mein Neffe stand in dieser Nacht ebenfalls mit mir auf.

Wir kontrollierten gemeinsam unsere Position und orientierten uns an der Umgebung.

Der Anker hielt.

Ich musste nur noch lernen, ihm auch zu vertrauen.

Das dauerte bei mir offenbar etwas länger.

Am nächsten Morgen sah die Sache schon wieder anders aus.

Frühstück.

Schwimmen.

Wasser.

Der erste Tag lag hinter uns.

Vor uns der Süden.

Und irgendwann Novalja.

Dorthin wollte ich.

Nicht nur, weil ich den Ort kannte.

Sondern wegen eines Satzes.

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Jetzt waren wir tatsächlich unterwegs.

Wir fuhren weiter Richtung Mali Lošinj.

Der Wind hielt sich dabei nicht an unsere Wunschvorstellungen.

Manchmal konnten wir segeln.

Manchmal musste der Motor laufen.

Auch das war eine frühe Lektion.

Segeln bedeutet nicht automatisch, sieben Tage mit perfekten Bedingungen über die Adria zu gleiten.

Manchmal ist kein Wind.

Dann ist kein Wind.

Manchmal ändert sich der Plan.

Und manchmal dauert eine Strecke länger, als man am Morgen gedacht hat.

Der Tag wurde später.

Bis Novalja weiterzufahren wäre nicht sinnvoll gewesen.

Also suchte ich nach einer Bucht.

Karte.

Küste.

Wind.

Wetter.

Wo können wir vernünftig liegen?

Schließlich fanden wir einen Platz.

Wir fuhren hinein.

Anker runter.

Prüfen.

Motor aus.

Und dann war plötzlich Ruhe.

Wir waren allein in dieser Bucht.

Keine Marina.

Kein Steg.

Kein Lokal neben uns.

Keine anderen Boote direkt daneben.

Nur unsere Yacht.

Meer.

Und langsam Abend.

Dann kam der Sonnenuntergang.

Natürlich hatte ich schon vorher Sonnenuntergänge gesehen.

Auch schöne.

Aber dieser blieb.

Vielleicht, weil wir allein in dieser Bucht lagen.

Vielleicht, weil alles noch neu war.

Vielleicht, weil ich in diesem Moment zum ersten Mal richtig begriff:

Wir sind selbst hierhergefahren.

Niemand hat uns mit einem Ausflugsboot abgesetzt.

Kein Hoteltransfer.

Keine organisierte Tour.

Wir hatten entschieden, wohin wir fahren.

Wir hatten die Bucht gesucht.

Wir hatten den Anker gesetzt.

Und jetzt saßen wir hier.

Musik.

Getränke.

Meer.

Die Sonne ging unter.

Welche Farben der Himmel genau hatte, weiß ich heute nicht mehr.

Das will ich auch nicht nachträglich erfinden.

Aber ich weiß noch, wie sich dieser Abend angefühlt hat.

Das reicht mir.

Am nächsten Morgen schwammen wir zum Strand.

Lagen eine Weile dort.

Dann ging es weiter.

Über Ilovik.

Richtung Novalja.

Die Überfahrt verlief ruhig.

Ein Stück unter Segeln.

Ein Stück unter Motor.

Keine große Dramatik.

Und trotzdem wurde ich nervöser, je näher wir kamen.

Nicht wegen des Wetters.

Nicht wegen des Bootes.

Wegen dieses verdammten Satzes vom Vorjahr.

Damals waren wir mit dem Auto nach Novalja gefahren.

Ferienwohnung.

Zrće.

Partyurlaub.

Und ich hatte groß angekündigt:

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Jetzt lag Novalja vor uns.

Ich versuchte, den Hafen über Funk zu erreichen.

Keine Antwort.

Noch einmal.

Nichts.

Also fuhren wir vorsichtig hinein.

Nach meiner Erinnerung konnte man damals noch direkt im Hafenbereich ankern.

Wir suchten einen geeigneten Platz.

Anker runter.

Prüfen.

Hält.

Motor aus.

Ich schaute zu den anderen.

Jetzt war der Moment da.

„Jungs, jetzt sind wir da. Ich habe es euch gesagt, dieses Jahr kommen wir mit dem Segelboot.“

Wir machten ein Bier auf.

Und ich war stolz.

Nicht weil wir einen Ozean überquert hatten.

Novalja ist nicht das Ende der Welt.

Aber ich hatte etwas angekündigt.

Und ich hatte es durchgezogen.

Aus einem Satz war eine Reise geworden.

Natürlich gehörte zu Novalja damals noch etwas anderes.

Zrće.

Der Partystrand war einer der Gründe gewesen, warum wir überhaupt zum ersten Mal dort Urlaub gemacht hatten.

Die Jüngeren aus der Crew wollten hin.

Kein Problem.

Ich brachte sie mit dem Dinghy an Land.

Von dort konnten sie mit dem Bus weiterfahren.

Dann fuhr ich zurück zum Boot.

Ich machte es mir bequem.

Handy dabei.

Ruhe.

Ich rechnete mit einer langen Nacht.

Zrće.

Junge Leute.

Party.

Die sehe ich wahrscheinlich erst irgendwann sehr spät wieder.

So war zumindest meine Vorstellung.

Nach meinem Gefühl waren ungefähr drei Stunden vergangen, als das Telefon klingelte.

„Du Martin, kannst du uns wieder abholen?“

Ich dachte zuerst:

Jetzt schon?

Ich fuhr mit dem Dinghy zurück und holte sie.

Natürlich wollte ich wissen, was los war.

War die Party schlecht?

War nichts los?

Nein.

Zrće fanden sie schon cool.

Sie hatten es gesehen.

Aber die ruhige Bucht vom Tag davor?

Die fanden sie besser.

Sie wollten zurück aufs Boot.

Schlafen.

Und am nächsten Tag lieber wieder eine geile Bucht suchen.

Ich musste lachen.

Ein Jahr zuvor war Zrće ein Ziel gewesen.

Jetzt waren wir mit einem Segelboot gekommen.

Und plötzlich verlor der Partystrand gegen eine stille Bucht.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber vielleicht war genau das einer dieser kleinen Momente, in denen sich etwas verändert.

Kroatien war für mich nicht mehr nur Novalja.

Nicht nur Party.

Es wurde Küste.

Inseln.

Buchten.

Ankern.

Segeln.

Unterwegs sein.

Am nächsten Tag ging der Anker wieder hoch.

Wir verließen Novalja.

Und die wichtigste Frage war plötzlich nicht mehr:

Wo ist die nächste Party?

Sondern:

Wo finden wir die nächste Bucht?

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 4 – Aus einem Törn wird Pirats

Von Novalja aus machten wir uns langsam wieder auf den Weg nach Norden.

Richtung Mali Lošinj.

Richtung Pula.

Aber wir hatten noch Zeit.

Und niemand wollte einfach nur möglichst schnell zurück zur Marina.

Wir suchten weiter nach Buchten, nach interessanten Stellen an der Küste und nach Orten, an denen wir noch ein paar Stunden bleiben konnten.

Irgendwann entdeckten wir Öffnungen im Fels.

Höhlen oder größere Spalten.

Das sah interessant aus.

Wir fanden in der Nähe einen geeigneten Platz zum Ankern.

Die anderen wollten mit dem Dinghy hinüber und sich die Felsen genauer ansehen.

Kamera mit.

Natürlich.

Ich blieb beim Boot.

Das gehört ebenfalls zum Skippersein.

Nicht jeder interessante Ausflug bedeutet automatisch, dass man selbst vorneweg laufen muss.

Das Boot lag vor Anker.

Also blieb ich dort.

Die anderen waren eine ganze Weile unterwegs.

Als sie zurückkamen, hatten sie natürlich eine Geschichte.

Sie waren in den Felsen herumgeklettert.

Maxl sieht nicht besonders gut.

Irgendwann bemerkte er über sich etwas, das er zunächst für einen Ast hielt.

Dann bewegte sich der Ast.

Schlange.

Die Überraschung war offenbar gegenseitig.

Die Schlange verschwand.

Und Maxl wollte ihr auch nicht unbedingt näherkommen.

Welche Art es war, wussten wir nicht.

Verletzt wurde niemand.

Damit war die Sache eigentlich erledigt.

Und gleichzeitig hatten wir wieder eine Geschichte, die beim Abendessen natürlich mehrfach erzählt wurde.

Am Abend gab es Nudeln und Salat.

Wir saßen zusammen auf dem Boot.

Redeten.

Lachten.

Und ich merkte immer stärker, was mir an solchen Törns gefiel.

Du kannst die Route planen.

Du kannst Häfen und Buchten aussuchen.

Aber du kannst nicht planen, welche Geschichte am Ende hängen bleibt.

Auf dem Rückweg Richtung Marina Veruda kam noch eine dazu.

Ich hörte plötzlich ein kräftiges Ausatmen.

Im ersten Moment wusste ich nicht, was es war.

Dann sahen wir sie.

Delfine.

Frei im Meer.

Neben unserem Boot.

Sie tauchten auf.

Verschwanden wieder.

Kamen zurück.

Dieses Ausatmen an der Oberfläche war viel deutlicher und lauter, als ich erwartet hatte.

Natürlich standen wir alle da und schauten.

In solchen Momenten muss niemand erklären, warum sie besonders sind.

Sie sind es einfach.

Unser erster Törn neigte sich dem Ende zu.

Und ausgerechnet auf dem Rückweg bekamen wir noch diese Begegnung geschenkt.

Dann lag irgendwann Marina Veruda wieder vor uns.

Diesmal fuhr ich hinein statt hinaus.

Das Manöver fühlte sich nicht mehr ganz so fremd an wie eine Woche zuvor.

Trotzdem blieb die Konzentration dieselbe.

Liegeplatz.

Leinen.

Mooring.

Crew.

Langsam hinein.

Fest.

Motor aus.

Dann war die Woche vorbei.

Zumindest offiziell.

Wir räumten das Boot aus.

Taschen.

Lebensmittelreste.

Persönliche Sachen.

Alles, was wir eine Woche zuvor voller Vorfreude an Bord getragen hatten, musste jetzt wieder zurück ins Auto.

Dann kam die Rückgabe.

Und plötzlich war die Yacht wieder einfach ein Charterboot, das jemand anderem gehörte.

Wir fuhren nach Tirol.

Die Stimmung im Auto war anders als auf der Hinfahrt.

Natürlich wurde geredet.

Natürlich lief Musik.

Natürlich wurden die Geschichten der Woche schon wieder erzählt.

Aber darunter lag dieses Gefühl:

Schade.

Vorbei.

Ich kannte das von anderen Urlauben.

Diesmal war es trotzdem anders.

Wir hatten nicht einfach eine Woche irgendwo verbracht.

Wir hatten auf diesem Boot gelebt.

Jeden Morgen die Frage:

Was machen wir heute?

Bleiben?

Weiterfahren?

Segeln?

Motor?

Bucht?

Hafen?

Und jetzt saßen wir wieder im Auto.

Straße.

Tirol.

Alltag.

Mir war ziemlich schnell klar:

Das möchte ich wieder machen.

Ein oder zwei Wochen später trafen wir uns erneut.

Natürlich redeten wir wieder über den Törn.

Das erste Ablegen.

Medulin.

Die Nacht vor Anker.

Der Sonnenuntergang.

Novalja.

Zrće.

Die Höhlen.

Die Schlange.

Die Delfine.

Und irgendwann dachte ich:

Okay Martin.

Das ist dein Ding.

Das solltest du öfter machen.

Nicht irgendwann einmal.

Öfter.

Ich wollte solche Törns organisieren.

Menschen mitnehmen.

Ihnen vielleicht genau das zeigen, was uns an dieser ersten Woche so begeistert hatte.

Nicht nur Orte.

Nicht nur Sehenswürdigkeiten.

Dieses Gefühl.

Leinen los.

Raus.

Eine Bucht suchen.

Ankern.

Gemeinsam essen.

Weiterfahren.

Damit war die Idee da.

Noch kein Unternehmen.

Kein ausgearbeiteter Geschäftsplan.

Nur die Idee, aus dieser einen Woche mehr zu machen.

Und eine Idee braucht irgendwann einen Namen.

Wir überlegten.

Meer.

Kroatien.

Segeln.

Piraten.

Pirates of the Caribbean beziehungsweise Fluch der Karibik war damals überall präsent.

Piraten passten irgendwie zu dem, was wir uns vorstellten.

Irgendwann stand ein Name im Raum:

Pirates of Croatia.

Ich schrieb ihn auf.

Pirats of Croatia.

Jemand schaute darauf.

„Martin, da fehlt ein E.“

Stimmte.

Normalerweise schreibt man Pirates mit E.

Ich sah mir meine Version noch einmal an.

Pirats.

Und sagte irgendwann:

Lassen wir es so.

Die Schreibweise war anders.

Und gerade deshalb gefiel sie mir.

Sie fühlte sich schnell nach unserem Namen an.

Bis heute gibt es Menschen, die mich darauf aufmerksam machen.

„Du weißt aber schon, dass Pirates mit E geschrieben wird?“

Ja.

Weiß ich.

Inzwischen sieht für mich fast die richtige Schreibweise falsch aus.

Pirats gehört ohne E.

Dann brauchten wir ein Logo.

Auch dabei war meine Vorstellung ziemlich schnell klar.

„Bei Pirates, das muss schon ein Totenkopf sein.“

Also bekam Pirats seinen Totenkopf.

Name.

Logo.

Eine Idee.

Mehr war es zunächst nicht.

Aber es war ein Anfang.

Ich erstellte eine Facebook-Seite.

Und wie wahrscheinlich jeder, der von einer neuen Idee begeistert ist, dachte ich:

Jetzt zeigen wir den Leuten, was wir machen.

Dann sehen sie die Bilder.

Dann melden sie sich.

Dann wollen sie mit.

Die Realität war etwas zurückhaltender.

Ich postete.

Machte Werbung.

Erzählte von den Törns.

Und oft passierte erstaunlich wenig.

Keine Warteliste.

Keine zehn Crews.

Manchmal kaum eine Reaktion.

Das war frustrierend.

Denn ich wusste inzwischen, wie sich so eine Woche anfühlen konnte.

Die Menschen draußen wussten das natürlich nicht.

Sie sahen eine Facebook-Seite.

Einen Totenkopf.

Einen Typen namens Martin.

Und vielleicht dachten sie:

Warum sollte ich ausgerechnet mit dem eine Woche auf ein Segelboot steigen?

Eigentlich eine ziemlich berechtigte Frage.

Vertrauen entsteht nicht durch ein Logo.

Das musste ich erst lernen.

Also machte ich weiter.

Und ungefähr ein Jahr später kam der nächste Törn.

Diesmal waren wieder mein Neffe und Freunde dabei.

Kleinere Crew.

Kleineres Boot.

Nach meiner Erinnerung eine Bavaria mit drei Kabinen.

Start und Ziel waren wieder Marina Veruda in Pula.

Das Boot hatte keinen Bugstrahler.

Das erste übrigens auch nicht.

Heute sind solche technischen Helfer auf vielen größeren Charteryachten selbstverständlich.

Damals musste ich ohne auskommen.

Im Nachhinein bin ich darüber nicht unglücklich.

Man lernt schneller, was Wind und Ruder mit einem Boot machen, wenn man nicht für jede Bewegung einen zusätzlichen Knopf hat.

Wie reagiert das Heck?

Was macht der Bug bei Seitenwind?

Wie viel Fahrt brauche ich?

Wann ist weniger Gas besser?

Wieder Übergabe.

Wieder einräumen.

Wieder Sicherheitscheck.

Wieder Leinen.

Motor an.

Ablegen.

Diesmal war die Situation vertrauter.

Aber noch lange nicht selbstverständlich.

Die erste Nacht verbrachten wir wieder in Medulin.

Und natürlich lag ich nachts im Bett und dachte:

Hält der Anker?

Offenbar brauchte mein Vertrauen in einen Anker wesentlich länger als mein Küstenpatent.

Er hielt.

Wir fuhren weiter.

Richtung Süden.

Dann fiel die Technik aus.

Während wir unterwegs waren, bemerkte ich, dass die Instrumente im Cockpit dunkel waren.

Tiefenanzeige.

Windanzeige.

Weitere Daten.

Nichts.

Zuerst hoffte ich auf eine Sicherung.

Das wäre einfach gewesen.

Sicherung prüfen.

Problem finden.

Weiter.

Wir kontrollierten den Sicherungskasten.

Dort sah alles normal aus.

Andere Systeme funktionierten.

Nur die Instrumente nicht.

Also rief ich bei der Charterbasis an.

Ich erklärte das Problem.

Die Antwort:

Wir sollten nach Cres fahren.

Dort würde ein Mechaniker kommen.

Damit war unser ursprünglicher Plan erledigt.

Kurs ändern.

Cres.

Wir hatten weiterhin Seekarten und Tablet.

Navigation war möglich.

Aber angenehm ist ein Ausfall solcher Instrumente trotzdem nicht.

Also fuhren wir konzentriert nach Cres.

Wir kamen an.

Der Mechaniker nicht.

Der sollte am nächsten Tag kommen.

Gut.

Dann blieben wir eben.

Stadt anschauen.

Etwas essen.

Warten.

Am folgenden Tag erschien der Mechaniker tatsächlich.

Einer aus unserer Crew war Mechatroniker.

Er hatte sich das Problem bereits angesehen und vermutete relativ früh eine Unterbrechung beim Datenkabel.

Der Mechaniker prüfte zunächst andere Dinge.

Unser Crewmitglied blieb bei seiner Vermutung.

Datenkabel.

Irgendwann kam auch der Mechaniker zu diesem Ergebnis.

Das Problem ließ sich vor Ort allerdings nicht vernünftig beheben.

Damit war klar:

Wenn wir weiterfahren wollten, dann ohne diese Instrumente.

Wir besprachen die Situation.

Abbrechen?

Oder mit den vorhandenen Möglichkeiten weiter?

Karten waren da.

Tablet.

Navigation.

Motor und die übrigen wesentlichen Systeme funktionierten.

Wir entschieden uns fürs Weiterfahren.

Mit entsprechend mehr Aufmerksamkeit.

Wir verließen Cres und fuhren Richtung Valun.

In einer Bucht im Bereich von Valun ankerten wir.

Welche Bucht es exakt war, möchte ich heute nicht aus der Erinnerung heraus behaupten.

Wir gingen schwimmen.

Der Tag war zunächst angenehm.

Dann sah ich mir die Wetterentwicklung für den nächsten Morgen an.

Und die gefiel mir weniger.

Gewitter.

Schlechtes Wetter.

Damit stand die nächste Entscheidung an.

Weiter Richtung Mali Lošinj?

Oder zurück nach Cres?

Am nächsten Morgen sah der Himmel bereits entsprechend aus.

Dunkle Bereiche.

Blitze.

Gewitterentwicklung.

Nach meiner Erinnerung kamen die Fronten aus mehreren Richtungen.

Wir besprachen die Situation.

Nicht jeder hatte zunächst dieselbe Meinung.

Natürlich hätten wir weiter Richtung Mali Lošinj fahren können und darauf hoffen, dass es schon passen würde.

Als Skipper musste ich aber eine Entscheidung treffen, die ich anschließend auch verantworten konnte.

Wir drehten um.

Zurück nach Cres.

Kurz darauf wurde das Wetter deutlich unangenehmer.

Wind.

Starker Regen.

Blitze.

Die Sicht war nach meiner Erinnerung zeitweise extrem schlecht.

Die ausgefallenen Instrumente machten die Situation nicht angenehmer.

Zwei aus der Crew hielten besonders aufmerksam Ausschau.

Nach anderen Booten.

Nach Hindernissen.

Nach allem, was vor uns auftauchen konnte.

Ich stand am Steuer.

Und irgendwo lief Creedence Clearwater Revival.

CCR.

Bis heute kann Musik mich innerhalb weniger Sekunden an bestimmte Situationen zurückbringen.

Ein Lied reicht.

Und ich sehe wieder Regen.

Cockpit.

Wind.

Crew.

Und irgendwo vor uns Cres.

Ein Blitz schlug nach unserer Wahrnehmung erschreckend nah ins Wasser.

Ob es zweihundert Meter waren oder mehr, kann ich heute nicht seriös sagen.

Nah genug war es.

In solchen Momenten verschwindet jede romantische Vorstellung vom Abenteuer ziemlich schnell.

Du willst nur eines:

Das Boot und die Menschen darauf sicher in den Hafen bringen.

Nach ungefähr drei Stunden erreichten wir Marina Cres.

Jetzt fehlte nur noch das Anlegemanöver.

Wind.

Nässe.

Anspannung.

Und eine Crew, die hervorragend zusammenarbeitete.

Keine fünf Meinungen gleichzeitig.

Jeder machte seine Aufgabe.

Wir kamen sicher an den Liegeplatz.

Leinen fest.

Motor aus.

Alle nass.

Dann Bier.

Natürlich.

Nach so einer Fahrt schmeckt ein Bier anders.

An der Rezeption fiel nach meiner Erinnerung der Satz:

„Ach Martin, da kannst auch nur du unterwegs sein.“

Ich musste lachen.

Denn kaum waren wir sicher im Hafen, begann sich das Wetter wieder zu beruhigen.

So ist das manchmal.

Draußen denkst du:

Was zur Hölle machen wir hier?

Eine Weile später sitzt du im Hafen und der Himmel tut so, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Für mich blieb etwas anderes hängen.

Ein Skipper beweist nichts dadurch, dass er unbedingt weiterfährt.

Manchmal ist die bessere Entscheidung:

Nein.

Wir drehen um.

Am nächsten Tag konnten wir wieder hinaus.

Das Wetter hatte sich beruhigt.

Mein Neffe hatte von einer Blue Cave gehört, einer blauen Höhle im Bereich Richtung Mali Lošinj.

Das klang interessant.

Also suchten wir danach.

Irgendwann fanden wir eine kleine, schmale Bucht, von der wir annahmen, dass wir richtig waren.

Vorsichtig hinein.

Ankern.

Dinghy.

Dann zur Höhle.

Schon drinnen war die Stimmung besonders.

Teilweise konnte man gehen.

Teilweise musste man schwimmen.

Das Licht veränderte sich.

Intensives Blau.

Fast so, als hätte jemand irgendwo einen Scheinwerfer eingeschaltet.

Nur kam das Licht durch das Wasser und die Öffnungen im Fels.

Wir sahen uns um.

Dann entdeckte einer aus der Crew etwas, das wie ein weiterer Ausgang unter Wasser aussah.

Natürlich kam sofort die Idee:

Da tauche ich durch.

Meine Antwort war genauso schnell.

Nein.

Ich wusste nicht, wie lang dieser Weg war.

Nicht, ob er sich verengte.

Nicht, ob irgendwo etwas im Weg lag.

Und auch nicht sicher, ob man tatsächlich auf der anderen Seite herauskam.

Ich hatte keine Lust, aus einem Ausflug in eine Höhle eine Rettungsaktion zu machen.

Also sagte ich klar, dass ich nicht wollte, dass jemand einfach blind durch diesen unbekannten Ausgang tauchte.

Einer aus der Crew ließ die Idee trotzdem nicht ganz los.

Er wollte die GoPro.

Wir sahen uns außerhalb der Höhle an, wo ein möglicher Ausgang liegen könnte.

Damit war zumindest besser einzuschätzen, wohin die Verbindung führen könnte.

Schließlich entschied er sich trotzdem dafür zu tauchen.

Begeistert war ich davon nicht.

Er kam auf der anderen Seite sicher heraus.

Und er selbst war vollkommen begeistert.

Die GoPro hatte den Tauchgang aufgenommen.

Für ihn war es wahrscheinlich einer der Höhepunkte der Woche.

Für mich blieb vor allem eine andere Erkenntnis.

Eine Crew besteht aus echten Menschen.

Mit eigenen Ideen.

Eigenen Entscheidungen.

Und unterschiedlicher Risikobereitschaft.

Ein Boot zu führen ist das eine.

Menschen zu führen ist etwas anderes.

Am Ende dieses Törns kehrten wir wieder nach Marina Veruda zurück.

Festmachen.

Ausladen.

Rückgabe.

Wieder dieser Moment, in dem eine Woche plötzlich vorbei ist.

Auf der Heimfahrt fiel irgendwann der Satz:

„Hey Martin, das machen wir nächstes Jahr wieder.“

Und genau das taten wir.

Nicht nur einmal.

Aus den ersten beiden Törns wurden weitere.

Pirats blieb nicht bei einer Idee und einer Facebook-Seite.

Langsam begannen sich Menschen zu melden, die ich vorher überhaupt nicht kannte.

Das war der nächste entscheidende Schritt.

Bis dahin konnte man sagen:

Martin fährt mit Familie und Freunden segeln.

Jetzt wollten Fremde mit.

Menschen, die mich über Pirats gefunden hatten.

Menschen, die bereit waren, eine Woche auf ein Boot zu steigen, dessen Skipper sie vorher nicht persönlich kannten.

Damit bekam Pirats eine neue Bedeutung.

Es wurde größer als mein eigener Freundeskreis.

Zum Inhaltsverzeichnis

Teil III – Menschen an Bord

Luftaufnahme einer felsigen, bewaldeten Küste mit türkisfarbenem Wasser und einer kleinen Segelyacht.
Küste und klares Wasser aus der Vogelperspektive.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen

Pirats of Croatia hatte jetzt einen Namen.

Ein Logo.

Eine Facebook-Seite.

Und vor allem eine Geschichte, die ich selbst erlebt hatte.

Ich wusste, wie sich so eine Woche auf dem Meer anfühlen konnte.

Die erste Nervosität beim Ablegen.

Eine Nacht vor Anker.

Eine leere Bucht.

Novalja mit dem Segelboot statt mit dem Auto.

Delfine auf dem Rückweg.

Ein Gewitter vor Cres.

Eine Entscheidung umzudrehen.

All diese Dinge waren für mich inzwischen real.

Das Problem war nur:

Für alle anderen waren es zunächst Bilder und Geschichten im Internet.

Ich postete.

Zeigte Fotos.

Erzählte von Törns.

Kündigte neue Fahrten an.

Und wartete.

Manchmal kam eine Reaktion.

Manchmal fast gar nichts.

In meiner Vorstellung hatte ich gedacht:

Wenn Menschen sehen, wie schön das ist, möchten sie mit.

So einfach funktionierte es natürlich nicht.

Warum sollte jemand, der mich überhaupt nicht kannte, eine Woche mit mir auf ein Segelboot steigen?

Ein Totenkopf als Logo war dafür kein besonders überzeugender Vertrauensnachweis.

Eigentlich war die Zurückhaltung vollkommen verständlich.

Ich musste erst lernen, dass Begeisterung nicht automatisch übertragbar ist.

Ich konnte hundertmal wissen, warum mir diese Törns so viel bedeuteten.

Ein anderer Mensch musste trotzdem erst einen Grund haben, mir zu vertrauen.

Bis dahin waren meine Crews vor allem aus meinem eigenen Umfeld gekommen.

Familie.

Freunde.

Arbeitskollegen.

Freunde von Freunden.

Das ist etwas völlig anderes.

Wenn jemand dich seit Jahren kennt und du sagst:

„Komm, wir fahren eine Woche segeln“,

dann weiß diese Person zumindest ungefähr, auf wen sie sich einlässt.

Bei einem Fremden gibt es diese Grundlage nicht.

Der sieht einen Namen.

Pirats of Croatia.

Ein paar Fotos.

Vielleicht Beiträge auf Facebook.

Und einen Martin, den er noch nie persönlich getroffen hat.

Irgendwann kamen trotzdem die ersten Anfragen.

Menschen meldeten sich, die ich vorher nicht kannte.

Das war für mich ein wichtiger Schritt.

Denn plötzlich ging es nicht mehr nur darum, ob ich genügend Freunde für einen Törn zusammenbekam.

Jetzt kamen Menschen wegen Pirats.

Damit änderte sich auch meine Verantwortung.

Beim ersten Törn mit Teilnehmern, die ich vorher nicht persönlich kannte, passierte keine große Katastrophe.

Zum Glück.

Es gibt keine dramatische Geschichte, die ich künstlich zum Höhepunkt machen müsste.

Es war einfach ein guter Törn.

Und genau deshalb war er wichtig.

Menschen kamen an Bord, die sich zum Teil vorher ebenfalls nicht kannten.

Wir segelten.

Wir kochten.

Wir saßen zusammen.

Wir redeten.

Wir lachten.

Nach einigen Tagen waren aus einzelnen Teilnehmern eine Crew geworden.

Damit wusste ich:

Es funktioniert auch außerhalb meines eigenen Freundeskreises.

Pirats konnte mehr sein als:

Martin fährt mit seinen Leuten segeln.

Der Name begann ein eigenes Leben zu bekommen.

Ein Segelboot ist ein ziemlich besonderer Ort, um Menschen kennenzulernen.

An Land kann man sich aus dem Weg gehen.

Im Hotel schließt jeder irgendwann seine Zimmertür.

Auf einem Boot funktioniert das nur begrenzt.

Man schläft wenige Meter voneinander entfernt.

Man kocht gemeinsam.

Man räumt gemeinsam auf.

Man wartet gemeinsam auf Wind.

Oder darauf, dass der Wind weniger wird.

Man merkt schnell, wer morgens zuerst einen Kaffee braucht, bevor ein vernünftiges Gespräch möglich ist.

Wer automatisch mithilft.

Wer fragt:

„Was kann ich machen?“

Und wer erstaunlich zuverlässig genau in dem Moment etwas anderes zu tun hat, wenn Geschirr gespült werden müsste.

Man sieht auch, wie Menschen reagieren, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

Der gewünschte Hafen ist voll.

Das Wetter passt nicht.

Die Strecke dauert länger.

Jemand wird seekrank.

Oder der Skipper sagt:

„Nein. Heute fahren wir da nicht hin.“

Auf einem Boot lernt man sich schnell kennen.

Nicht vollständig.

Aber ehrlich genug.

Das gilt übrigens auch für den Skipper.

Ich musste mit der Zeit verstehen, dass ein Boot zu führen und eine Crew zu führen zwei verschiedene Dinge sind.

Ein Boot reagiert zumindest einigermaßen berechenbar.

Auf Ruder.

Gas.

Segel.

Wind.

Menschen sind komplizierter.

Manche wollen möglichst viel lernen.

Sie stehen beim Manöver schon bereit, bevor ich überhaupt etwas sagen muss.

Andere möchten in erster Linie Urlaub machen.

Auch das ist völlig in Ordnung.

Manche brauchen eine klare Aufgabe.

Andere möchten zuerst verstehen, warum wir etwas auf eine bestimmte Weise machen.

Und manchmal gibt es einen, der beim Anlegen plötzlich selbst Kommandos verteilt, obwohl gerade nur eines gebraucht wird.

Dann muss ich klar werden.

Ich wollte nie der Skipper sein, der seine Autorität dadurch beweist, dass er permanent herumbrüllt.

Das hat mit guter Führung für mich nichts zu tun.

Aber es gibt Momente, in denen Diskussionen warten müssen.

Beim Ablegen.

Beim Anlegen.

In einer schwierigen Situation.

Dann muss ein Kommando eindeutig sein.

Wer macht was?

Jetzt.

Danach kann wieder geredet und gelacht werden.

Diese Balance musste ich lernen.

Und jeder neue Törn brachte eine neue Crew.

Natürlich hatten die Menschen an Bord auch eigene Vorstellungen davon, wie ihre Woche aussehen sollte.

Der eine wollte möglichst viel segeln.

Ein anderer lieber schwimmen.

Manche mochten Städte und Häfen.

Andere wären am liebsten sieben Tage nur in Buchten gelegen.

Jemand wollte jeden Abend in eine Konoba.

Der Nächste fragte schon morgens:

„Müssen wir heute überhaupt weiter?“

Ich fand das gut.

Ein Törn sollte für mich nie bedeuten:

Der Skipper hat einen fertigen Stundenplan und alle anderen haben ihn abzuarbeiten.

Wir konnten Wünsche besprechen.

Wo wollt ihr hin?

Was interessiert euch?

Mehr segeln?

Mehr Buchten?

Ein Ort?

Ein bestimmtes Restaurant?

Dann kam meine Aufgabe.

Passt das zum Wetter?

Passt es zur Zeit?

Zum Boot?

Zur Crew?

Ist es sicher?

Daraus entstand die tatsächliche Route.

Nur bei einem Punkt gab es keine Abstimmung.

Sicherheit.

Wenn ich dort Nein sagte, blieb es bei Nein.

Nicht weil ich mich wichtigmachen wollte.

Sondern weil am Ende jemand die Verantwortung übernehmen muss.

Ich konnte später nicht sagen:

Die Mehrheit wollte aber weiterfahren.

Das Gewitter vor Cres hatte mir genau das deutlich gemacht.

Ein Plan ist kein Versprechen.

Und Umdrehen ist kein Versagen.

Mit jedem Törn bekam ich mehr Routine.

Boot übernehmen.

Technik kontrollieren.

Sicherheitsausrüstung.

Crew einweisen.

Lebensmittel verstauen.

Wetter prüfen.

Route vorbereiten.

Ablegen.

Viele Abläufe wurden vertrauter.

Aber ich wollte nicht, dass Routine zu Nachlässigkeit wurde.

Auf dem Meer kann etwas zehnmal problemlos funktionieren.

Beim elften Mal tut es das vielleicht nicht.

Deshalb blieb die Vorbereitung wichtig.

Genauso wie die Crew.

Denn ein gutes Manöver hängt nicht nur davon ab, ob ich am Steuer weiß, was ich tue.

Es hängt auch davon ab, ob die Menschen an den Leinen wissen, was ich von ihnen brauche.

Das hatte ich spätestens beim Anlegen im schlechten Wetter in Cres erlebt.

Dort hatte eine Crew funktioniert.

Nicht weil jeder alles selbst entscheiden wollte.

Sondern weil jeder seine Aufgabe gemacht hatte.

Solche Erlebnisse blieben hängen.

Trotzdem wollte ich aus Pirats keine steife Veranstaltung machen.

Die Verantwortung musste stimmen.

Der Rest durfte leicht sein.

Bier nach dem Anlegen.

Nudeln an Bord.

Musik.

Blöde Sprüche.

Ein Sprung ins Wasser.

Delfine neben dem Boot und plötzlich rennt jeder mit dem Handy an Deck.

Abends zusammensitzen.

Manchmal eine Konoba.

Manchmal einfach nichts.

Diese Mischung gefiel mir.

Gut vorbereitet sein, ohne dass sich ein Törn wie eine Schulung anfühlt.

Freiheit, ohne leichtsinnig zu werden.

Es kamen weitere Fahrten.

Nicht jede davon braucht ein eigenes Kapitel.

Manche Wochen waren einfach schön.

Und das reicht.

Wir fuhren wieder nach Novalja.

Lagen in Buchten.

Gingen essen.

Feierten auch einmal einen Geburtstag an Bord.

Menschen kamen mit.

Manche kannte ich vorher.

Andere nicht.

Einige sah ich später wieder.

Andere nur diese eine Woche.

Mit jedem Törn entstanden neue Geschichten.

Und langsam verstand ich, dass genau darin ein großer Teil von Pirats lag.

Nicht nur in den Booten.

Nicht in einem Logo.

Nicht in einer bestimmten Route.

In den Menschen.

Jemand kommt als Fremder an Bord.

Nach ein paar Tagen kennt man seine Sprüche.

Weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.

Was ihn nervös macht.

Worüber er lacht.

Und irgendwann steht man gemeinsam an einer Leine oder sitzt abends im Cockpit, als wäre es vollkommen normal, dass genau diese Gruppe hier zusammengekommen ist.

Eine Woche später fährt jeder wieder nach Hause.

Aber etwas bleibt.

Eine Geschichte.

Ein Foto.

Ein Lied.

Ein Satz.

Manchmal Kontakt.

Manchmal nur eine Erinnerung.

Pirats war damit endgültig größer geworden als mein eigener Freundeskreis.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl:

Aus meiner Begeisterung war tatsächlich etwas Eigenes entstanden.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 6 – Nicole kommt mit

Nicole war noch nie auf einem Segelboot gewesen.

Ich fand das zunächst nicht weiter problematisch.

Jeder ist irgendwann zum ersten Mal auf einem Boot.

Nicole selbst sah die Sache etwas vorsichtiger.

Ich musste sie ein bisschen überreden.

Nicht mit großem Druck.

Eher:

Komm einfach mit.

Probier es aus.

Dann weißt du wenigstens, warum ich ständig von diesen Törns erzähle.

Irgendwann sagte sie zu.

Damit war klar:

Nicole kommt mit nach Kroatien.

Für sie war es der erste Segeltörn.

Für mich längst nicht mehr.

Aber das bedeutet auf einem Boot nicht, dass nur der Neuling etwas lernt.

Jeder neue Mensch verändert eine Crew.

Und manchmal zeigt jemand, der zum ersten Mal dabei ist, dem Skipper Dinge, die für ihn längst selbstverständlich geworden sind.

Am Anfang machte es uns das Wetter leicht.

Die Crew passte.

Die Stimmung ebenfalls.

Nicole konnte sich an das Boot gewöhnen.

An die Bewegungen.

An die engen Räume.

An die Abläufe.

Und an eine der wichtigsten Erkenntnisse an Bord:

Dinge bleiben nicht unbedingt dort liegen, wo man sie hingelegt hat.

Solange das Meer ruhig ist, sieht Segeln für einen Anfänger oft ziemlich unkompliziert aus.

Man sitzt draußen.

Schaut aufs Wasser.

Fährt von einem Ort zum nächsten.

Geht schwimmen.

Isst.

Redet.

Vielleicht denkt man irgendwann:

Was hat der Martin eigentlich immer? Das ist doch ganz gemütlich.

Dann ändert sich das Wetter.

Und dasselbe Meer sieht plötzlich völlig anders aus.

Auf dem Weg Richtung Novalja nahmen Wind und Wellen zu.

Nicole wurde nervös.

Dann bekam sie Angst.

Für mich war die Bewegung des Bootes nichts völlig Außergewöhnliches.

Für sie schon.

Und genau darin liegt ein Unterschied, den man als Skipper nicht vergessen darf.

Wenn du viele Stunden auf Booten verbracht hast, gewöhnst du dich an Bewegungen, Geräusche und Situationen.

Jemand, der zum ersten Mal dabei ist, kennt sie nicht.

Der sieht das Boot krängen und denkt vielleicht:

Ist das normal?

Kann das umkippen?

Was passiert jetzt?

Es bringt überhaupt nichts, so jemanden auszulachen oder einfach zu sagen:

„Da ist doch nichts.“

Wenn jemand Angst hat, ist sie in diesem Moment real.

Also redete ich mit Nicole.

Erklärte ihr, was passierte.

Versuchte ruhig zu bleiben.

Und steuerte weiter.

Als wir schließlich sicher an einer Boje lagen, war die Erleichterung deutlich.

Fest.

Motor aus.

Ruhe.

Für Nicole war das Meer für diesen Tag genug gewesen.

Aber genau dieser Törn zeigte auch, warum man eine Woche auf dem Boot nicht auf Wind und Wellen reduzieren kann.

Eine meiner schönsten Erinnerungen begann in einer Bucht.

Auf der anderen Seite beziehungsweise hinter einer Ecke lag eine Konoba.

Von unserem Liegeplatz aus konnte man sie nicht richtig sehen.

Also fuhren Nicole und ich mit dem Dinghy hinüber und schauten nach.

Der Ort gefiel uns sofort.

Abgelegen.

Ruhig.

Keine große Promenade.

Keine Reihe von Lokalen nebeneinander.

Einfach eine Konoba mitten in dieser Umgebung.

Wir beschlossen:

Hier essen wir heute.

Also wieder zurück zum Boot.

Crew holen.

Dann gemeinsam hinüber.

Uns fiel auf, dass ein Teil des Geländes eingezäunt war.

Irgendwann fragten wir nach dem Grund.

Die Antwort lautete sinngemäß:

„Lasst euch überraschen.“

Gut.

Dann warteten wir.

Es wurde langsam Abend.

Wir saßen beim Essen.

Und irgendwann kamen Rehe.

Sie näherten sich dem Gelände und offenbar war das nichts völlig Ungewöhnliches.

Sie wussten ziemlich genau, dass es dort möglicherweise etwas zu holen gab.

Wir konnten ihnen Brot geben.

Teilweise direkt aus der Hand.

Nicole war begeistert.

Eigentlich waren wir nur zum Essen in eine Konoba gefahren.

Und plötzlich standen dort Rehe neben uns.

Solche Dinge kannst du bei einem Törn nicht planen.

Genau deshalb bleiben sie hängen.

Viele Jahre später erinnert man sich vielleicht nicht mehr an jedes Gericht.

Aber man erinnert sich daran, dass plötzlich ein Reh vor einem stand.

Bei Nicole blieb allerdings noch etwas anderes sehr zuverlässig hängen.

Der Rückweg.

Unser Dinghy war für die ganze Gruppe zu klein. Es wäre nicht sinnvoll gewesen, alle auf einmal damit zurückzubringen.

Also sollte ein Teil mit dem Dinghy fahren.

Ich sagte, dass ich zu Fuß zurückgehe.

Nicole kam mit.

Es gab einen Weg durch den Wald beziehungsweise entlang eines Pfades zurück Richtung Bucht.

Kein Problem.

Zumindest theoretisch.

Vorher hatte allerdings jemand erzählt, dass dort schon einmal ein Mensch wegen der vielen Spinnen ziemlich aufgelöst zurückgekommen sei.

Eine ausgesprochen beruhigende Information für Nicole.

Dann wurde es dunkel.

Wir hatten eine Taschenlampe.

Also gingen wir los.

Die ersten Meter funktionierten noch gut.

Dann kamen Spinnennetze.

Eines.

Noch eines.

Und immer mehr.

Teilweise quer über den Weg.

Dazu Spinnen, die für Nicoles Geschmack definitiv nicht klein genug waren.

Irgendwann nahm ich einen Stock und begann, den Weg vor uns freizumachen.

Nicole hielt zunächst die Taschenlampe.

Das Problem war nur:

Der Lichtkegel befand sich überall.

Links.

Rechts.

Oben.

Hinter uns.

Nur erstaunlich selten dort, wo ich gerade sehen musste, wohin ich ging.

Irgendwann sagte ich:

„Hey, du musst nach vorne leuchten, wir müssen ja schauen, wo wir hingehen.“

Das funktionierte ungefähr bis zur nächsten Spinne.

Dann war das Licht wieder überall.

Also nahm ich irgendwann selbst die Taschenlampe.

Nicole blieb dicht hinter mir.

Sehr dicht.

Teilweise hielt sie sich an meiner Kleidung beziehungsweise am Hosenbund fest.

Ich ging vorne.

Stock in der einen Hand.

Taschenlampe in der anderen.

Nicole direkt dahinter.

So arbeiteten wir uns durch den Weg.

Eine halbe Stunde kann ziemlich lang sein, wenn niemand genau weiß, wie viel Weg noch vor einem liegt.

Vor allem nachts.

Mit Spinnennetzen.

Ich hatte nicht dieselbe Angst wie Nicole.

Aber irgendwann wollte auch ich einfach nur noch aus diesem Wald hinaus.

Dann wurde der Weg endlich offener.

Strand.

Wasser.

Unsere Bucht.

Boot.

Fertig.

Später hatten wir eine der Spinnen fotografiert und versucht herauszufinden, welche Art es gewesen sein könnte. Sicher bestimmen konnten wir sie nicht.

Für die Geschichte reicht ohnehin das, was wir sicher wissen:

Es waren viele.

Für Nicole eindeutig zu viele.

Und dieser Waldweg gehört bis heute zu den Geschichten, die sie von ihrem Segeltörn erzählt.

Auch im Wasser gab es für Nicole neue Bekanntschaften.

Einmal schaute sie sich im flachen Wasser kleine Fische an.

Sinngemäß kam die Frage:

„Ach, sind da süße Fische?“

Ich hielt sie damals für Petermännchen und sagte:

„Ach, die greifst du lieber nicht an.“

Mehr musste Nicole dazu nicht wissen.

Anschauen.

Ja.

Anfassen.

Lieber nicht.

Eigentlich eine brauchbare Regel für erstaunlich viele Dinge.

Auf diesem Törn galt sie offensichtlich sowohl fürs Meer als auch für nächtliche Waldwege.

Auf dem Rückweg von Novalja wurde das Wetter wieder unangenehm.

Mehr Wind.

Mehr Welle.

Und für Nicole wieder mehr als genug davon.

Sie bekam erneut Angst.

Ich stand am Steuer und sah mir unsere Möglichkeiten an.

Weiterfahren, nur weil der ursprüngliche Plan das so vorgesehen hatte, ergab für mich keinen Sinn.

Irgendwann dachte ich nur:

„Okay, Scheiße, jetzt müssen wir irgendwo ran.“

Also änderte ich den Kurs.

Schutz suchen.

Eine sichere Bucht finden.

Raus aus der unangenehmen Situation.

Wir fanden einen geschützten Platz mit Boje.

Festmachen.

Motor aus.

Und wieder änderte sich die Stimmung sofort.

Das Boot lag ruhig.

Nicole konnte sich entspannen.

Dann gingen wir an Land.

Und stellten fest, dass aus unserer wetterbedingten Kursänderung etwas entstanden war, das keiner von uns geplant hatte.

Osor.

Ich kannte die Gegend.

Aber diesen Ort hatte ich vorher nie richtig erkundet.

Jetzt liefen wir durch die Gassen.

Alte Häuser.

Stein.

Eine Atmosphäre, die sich völlig anders anfühlte als ein moderner Ferienort.

Wir fanden auch eine alte, teilweise ruinöse Kapelle.

Nicole war begeistert.

Ein paar Stunden vorher hatte sie vermutlich nur gedacht:

Bitte irgendwo hin, wo dieses Boot endlich aufhört, sich so zu bewegen.

Jetzt standen wir an einem Ort, den wir ohne das schlechte Wetter wahrscheinlich gar nicht besucht hätten.

Das gefiel mir an dieser Geschichte.

Nicht das schlechte Wetter.

Nicht Nicoles Angst.

Sondern das, was aus einer vernünftigen Planänderung entstand.

Wir wollten ursprünglich woanders hin.

Dann passten die Bedingungen nicht.

Also änderten wir den Kurs.

Und fanden etwas, das wir überhaupt nicht gesucht hatten.

Genau das passiert beim Segeln ständig.

Eine Route ist ein Plan.

Kein Vertrag.

Wind ändert sich.

Wetter ändert sich.

Eine Crew kann müde sein.

Jemand fühlt sich nicht wohl.

Dann muss man reagieren.

Das bedeutet nicht automatisch, dass der Tag schlechter wird.

Manchmal wird nur ein anderer daraus.

Osor war für mich so ein Beispiel.

Und Nicole wurde auf ihrem ersten Törn gleich ziemlich gründlich gezeigt, wie unterschiedlich eine Woche auf dem Meer aussehen kann.

Ruhiges Wasser.

Wellen.

Angst.

Lachen.

Eine Konoba.

Rehe.

Spinnen.

Fische.

Eine ungeplante Bucht.

Osor.

Genug Material für deutlich mehr Geschichten, als sie vor der Abreise wahrscheinlich erwartet hatte.

Nicole ist seit diesem Törn nicht noch einmal mit mir segeln gegangen.

Leider.

Vielleicht waren die Wellen schuld.

Vielleicht die Spinnen.

Wahrscheinlich eine Kombination aus beidem.

Aber wenn sie heute von dieser Woche erzählt, erzählt sie nicht nur davon, dass sie Angst hatte.

Sie erzählt von den Rehen.

Vom Wald.

Von Osor.

Von Dingen, die sie vorher nicht kannte.

Und vielleicht ist genau das eine gute Beschreibung für einen Törn.

Nicht jeder muss danach Segler werden.

Nicht jeder muss dasselbe darin sehen wie ich.

Es reicht, wenn eine Woche etwas hinterlässt.

Bei Nicole hat sie das definitiv getan.

Zum Inhaltsverzeichnis

Teil IV – Zwischen Lift und Meer

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings

Schwarzes Oberteil, schwarze Leggings und helle Schuhe mit Pirats-of-Croatia-Motiven.
Pirats-Kleidung mit dem Sailing-Team-Motiv.

Am 18. Februar 2026 kam ein Paket an.

Darin lag etwas, über das ich vorher erstaunlich lange nachgedacht hatte.

Eine Leggings.

Nicht irgendeine.

Eine eigens gestaltete Pirats-Leggings.

Die Idee dahinter war zunächst ziemlich praktisch. Auf einem Boot ist Platz begrenzt. Kleidung sollte bequem sein, wenig Raum brauchen und möglichst schnell trocknen. Gleichzeitig wollte ich für Pirats etwas Eigenes.

Etwas, das auffiel.

Also begann ich zu gestalten.

Logo.

Position.

Farben.

Glanz.

Matt oder glänzend?

Wie groß soll das Pirats-Logo sein?

Wie wirkt das Ganze, wenn man es tatsächlich trägt?

Ich beschäftigte mich damit länger, als man für eine einzelne Hose vermutlich für vernünftig halten würde. Als sie schließlich ankam, war ich begeistert. Die Qualität passte. Die Optik auch. Genau so hatte ich sie mir vorgestellt.

Eigentlich hätte die Sache damit erledigt sein können.

War sie aber nicht.

Denn jetzt musste ich sie nur noch anziehen.

Plötzlich war da diese Frage:

Was sollen die Leute denken?

Der Martin mit seiner eigenen Pirats-Leggings.

Will der jetzt Influencer werden?

Oder noch einfacher:

Warum trägt ein Mann eine Leggings?

Ich fand die Situation selbst ein bisschen absurd.

Ich konnte eine Crew auf ein Segelboot mitnehmen.

In einer engen Marina manövrieren.

Bei schlechtem Wetter Entscheidungen treffen.

Verantwortung übernehmen.

Aber eine Hose brachte mich ins Grübeln.

Das musste man auch erst einmal schaffen.

Das Problem war nicht, dass mir die Leggings nicht gefiel. Im Gegenteil. Ich hatte sie selbst gestaltet. Ich wollte sie. Nur die Vorstellung, was andere darüber denken könnten, war plötzlich erstaunlich laut.

„Denn welcher Mann trägt Leggings?“

Genau diese Frage ging mir durch den Kopf.

Und irgendwann begann sie mich eher zu ärgern.

Eines Morgens musste ich früh zur Arbeit.

Ich zog die Leggings an und stellte mich vor den Spiegel.

Noch einmal anschauen.

Es fühlte sich ungewohnt an.

Mehr eigentlich nicht.

Nicht falsch.

Nicht lächerlich.

Nur ungewohnt.

Ich dachte:

Eigentlich schaut das gut aus.

Kein großer Befreiungsmoment.

Keine Musik im Hintergrund.

Kein Satz für ein Motivationsvideo.

Nur ich vor dem Spiegel mit meiner eigenen Pirats-Leggings.

Und die Feststellung:

Eigentlich passt sie.

Damit war meine Unsicherheit nicht sofort weg.

Ich trug sie nicht plötzlich jeden Tag.

Manchmal zog ich sie an.

Manchmal ließ ich es.

Irgendwann nahm ich sie auch mit nach Kroatien.

Und selbst dort kam die Frage noch:

Was denken die anderen?

Mit der Zeit wurde sie unwichtiger.

Ich sah Männer beim Laufen in Leggings.

Beim Training.

Beim Radfahren.

Mit Shorts.

Ohne Shorts.

Die Welt schien daran nicht unterzugehen.

Also blieb irgendwann eine wesentlich einfachere Frage:

Wenn sie mir gefällt und ich sie gerne trage – warum sollte ich es nicht machen?

Darauf hatte ich keine besonders überzeugende Gegenantwort.

Irgendwann dachte ich:

„Hey, scheiß dich was.“

Das war vermutlich die ehrlichste Formulierung.

Wer gibt eigentlich vor, was ich anzuziehen habe?

Natürlich gibt es Situationen, in denen Kleidung nicht nur Geschmackssache ist.

Arbeit.

Sicherheit.

Wetter.

Auf einem Boot sowieso.

Wenn etwas unpraktisch oder gefährlich wäre, hätte sich die Diskussion erledigt. Aber darum ging es hier nicht.

Die Leggings war bequem.

Sie brauchte kaum Platz.

Sie trocknete schnell.

Und ich mochte sie.

Damit waren die wichtigen Fragen eigentlich beantwortet.

Ursprünglich war die Pirats-Leggings vor allem Teil des Auftritts.

Wiedererkennung.

Etwas Ungewöhnliches für Pirats.

Ich hatte sie nicht bestellt, um daraus ein großes Statement zu machen. Und das möchte ich auch heute nicht hineininterpretieren. Es war eine Hose.

Aber eine Hose, bei der ich bemerkte, wie viel Macht eine völlig diffuse Frage haben kann:

Was denken die Leute?

Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger reichte mir das als Grund, etwas nicht zu tun. Mit der Zeit kamen weitere Pirats-Kleidungsstücke dazu.

Shirts.

Polos.

Sportshirts.

Ein Hoodie.

Eine ärmellose Jacke mit Logo.

Pirats bekam auch optisch immer mehr eine eigene Identität.

Die Leggings blieb für mich trotzdem besonders.

Nicht weil sie wichtiger gewesen wäre.

Sondern weil ich bei ihr zuerst selbst gezögert hatte.

Ich hatte etwas ausprobiert.

Es gefiel mir.

Also blieb es.

Mehr musste daraus gar nicht werden.

Ein paar Wochen später beschäftigten mich ohnehin wesentlich größere Fragen.

Pirats sollte wachsen.

Die Homepage kostete Geld.

Törns mussten gefüllt werden.

Menschen sagten zu.

Andere wieder ab.

Und im April stand ich bei der Liftrevision im Regen und fragte mich, wie viel Zeit ich noch damit verbringen wollte, vom Meer zu reden, statt mehr davon tatsächlich zu leben.

Die Pirats-Leggings war inzwischen da.

Die größere Frage war noch offen.

Wie bekomme ich Pirats und Kroatien zu einem größeren Teil meines Lebens?

Darauf gab es keine so einfache Antwort wie morgens vor dem Spiegel.

Aber ich arbeitete daran.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 8 – Da gehöre ich hin

Im Frühjahr 2026 stand ich wieder dort, wo ich schon als junger Mann gearbeitet hatte.

Am Lift.

Damals hatte ich dort Geld verdient, weil ich meinen Führerschein und den Lkw-Schein machen wollte.

Ich wollte hinaus.

Unterwegs sein.

Die große Welt sehen.

Viele Jahre später stand ich wieder am Lift.

Nur bedeutete „hinaus“ für mich inzwischen etwas anderes.

Nicht mehr Straße.

Nicht mehr Lkw.

Ich dachte an Kroatien.

An das Meer.

An Segelboote.

An Pirats.

Und immer häufiger kam während der Arbeit dieselbe Frage:

„Martin, was machst du hier?“

Nicht weil die Arbeit schlecht gewesen wäre. Und auch nicht, weil Tirol plötzlich nichts mehr für mich bedeutete. Tirol war Heimat.

Dort war mein Alltag. Dort verdiente ich mein Geld. Aber ich wusste inzwischen auch, wie ich mich fühlte, wenn ich in Kroatien auf einem Boot stand. Und dieses Gefühl wurde schwerer zu ignorieren.

Pirats war zu diesem Zeitpunkt längst mehr als eine Idee nach einem Segeltörn.

Ich hatte Törns organisiert.

Menschen mitgenommen, die ich vorher nicht gekannt hatte.

Werbung gemacht.

Versicherungen abgeschlossen.

Geld investiert.

Vor allem aber Zeit.

Von außen konnte das vielleicht schon ziemlich professionell aussehen. Von innen fühlte es sich wesentlich weniger stabil an.

Ein Törn war voll.

Dann wieder nicht.

Menschen fragten an.

Andere sagten ab.

Man machte Werbung.

Wartete.

Bekam Hoffnung.

Dann änderte sich wieder etwas.

Am 11. April 2026 schrieb ich in mein Tagebuch:

„Immer dieses Auf und Ab.“

Der Mai-Törn war eigentlich voll gewesen. Dann sah es danach aus, als könnten Teilnehmer aus gesundheitlichen Gründen nicht mitkommen.

Plötzlich waren wieder Plätze offen.

Also begann das Ganze erneut.

Suchen.

Posten.

Nachfragen.

Hoffen.

Ich schrieb an diesem Tag noch einen Satz:

„Aufgeben ist für mich keine Option.“

Das klingt heute entschlossener, als ich mich in diesem Moment wahrscheinlich fühlte. Es war kein großer Motivationsspruch.

Eher Trotz.

Schwierig war nicht dasselbe wie vorbei.

Also machte ich weiter.

Drei Tage später, am 14. April, arbeitete ich bei der Liftrevision.

Regen.

Kälte.

Nass.

Kein besonders kompliziertes Bild, wenn man erklären möchte, warum Kroatien an so einem Tag attraktiv wirkt.

In einer Pause kamen wir ins Gespräch.

Über Geld.

Lebenshaltungskosten.

Zukunft.

Pension.

Über die Dinge, die irgendwann auftauchen, wenn man sich fragt, wie das eigene Leben in zehn oder zwanzig Jahren aussehen soll.

Ein Kollege erzählte von seinen Verpflichtungen.

Haus.

Familie.

Fixkosten.

Bei ihm könne man nicht einfach sagen:

Ich packe zusammen und bin weg.

Dann meinte er sinngemäß, dass meine Situation anders sei.

Wenn er meine Möglichkeiten hätte, wäre er wahrscheinlich längst gegangen.

Ich antwortete:

„Ich arbeite daran.“

Der Satz war draußen, bevor ich groß darüber nachgedacht hatte.

Aber er traf ziemlich genau, wo ich damals stand.

Ich war nicht weg.

Ich hatte keinen fertigen Plan.

Ich konnte nicht sagen:

An diesem Datum kündige ich, dann ziehe ich nach Kroatien und ab dort funktioniert alles.

So war es nicht.

Aber ich arbeitete daran.

Genau das war der Unterschied zu einem bloßen Traum.

Wenn ich wirklich mehr Zeit am Meer verbringen wollte, musste ich die weniger romantischen Fragen ebenfalls beantworten.

Wovon lebe ich?

Wie viele Törns braucht Pirats?

Was kostet ein Törn tatsächlich?

Wie viel bleibt danach übrig?

Welche Versicherungen brauche ich?

Welche Möglichkeiten gibt es, als Skipper zu arbeiten?

Kann ich mehr Zeit in Kroatien verbringen, ohne zuhause blind alles abzubrechen?

Ein Sonnenuntergang in einer Bucht beantwortet keine dieser Fragen. Eine schöne Idee auch nicht. Also begann ich zu rechnen, zu recherchieren und Möglichkeiten zu prüfen.

Ich informierte mich über Skipperjobs und darüber, welche Voraussetzungen verlangt wurden. Nicht weil ich sofort irgendwo anfangen wollte. Ich wollte wissen, welche Wege überhaupt existierten.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir:

Einfach kündigen und hoffen wäre zwar eine Entscheidung.

Aber nicht automatisch eine gute.

Ich wollte einen Weg.

Nicht nur einen Sprung.

Auch die Homepage gehörte dazu.

Ich wollte nicht, dass Pirats aussah wie irgendeine Facebook-Idee, die nächsten Monat wieder verschwunden sein konnte.

Also investierte ich Geld.

Nicht wenig.

Natürlich fragte ich mich:

Ist das richtig?

Lohnt sich das?

Meldet sich deshalb wirklich jemand?

Solche Fragen verschwinden nicht, nur weil man an etwas glaubt.

Trotzdem machte ich es.

Ich wollte echte Bilder.

Echte Törns.

Ein klares Auftreten.

Menschen sollten sehen:

Pirats ist nicht nur ein Name mit einem Totenkopf.

Da passiert wirklich etwas.

Und trotzdem stand ich weiterhin am Lift.

Genau dieser Gegensatz beschäftigte mich.

Auf der einen Seite Sicherheit.

Arbeit.

Ein Einkommen.

Auf der anderen Seite Pirats.

Kroatien.

Das Meer.

Eine Idee, von der ich nicht wusste, wie groß sie werden konnte.

Manchmal dachte ich:

„Versuch doch viel mehr unten in Kroatien Zeit zu verbringen, viel mehr Segeltörns zu machen. Denn das ist deine Welt, da gehörst du hin.“

Das war ehrlich.

Aber „Da gehöre ich hin“ bedeutete nicht automatisch:

Morgen muss ich dort leben.

Vielleicht musste ich genau das erst lernen.

Nicht jeder starke Wunsch braucht sofort eine radikale Entscheidung. Manche Dinge wachsen, weil man lange genug an ihnen arbeitet.

Der April 2026 war deshalb keine große Wende.

Ich kündigte nicht.

Ich packte nicht mein gesamtes Leben in ein Auto.

Ich fuhr nicht nach Kroatien und blieb einfach dort.

Ich ging weiter zur Arbeit.

Ich organisierte Pirats.

Ich versuchte, freie Plätze zu füllen.

Ich arbeitete an der Homepage.

Ich rechnete.

Plante.

Zweifelte.

Und machte weiter.

„Ich arbeite daran.“

Mehr konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.

Mehr musste ich vielleicht auch noch nicht sagen.

Denn während ich versuchte herauszufinden, wie ich selbst den nächsten Schritt machen könnte, kam plötzlich etwas auf mich zu, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Keine Werbung.

Keine Bewerbung.

Kein Charterportal.

Nur eine Nachricht.

Und ein Mann namens Andi.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt

Während ich im April 2026 noch darüber nachdachte, wie ich mehr Zeit am Meer verbringen könnte, kam eine Nachricht.

„Du Martin, ich möchte mit dir gerne einen Segeltörn machen.“

Solche Anfragen kannte ich inzwischen.

Also antwortete ich sinngemäß:

Natürlich.

Sag mir, wann du Zeit hast, dann organisiere ich ein Boot.

Die Antwort kam ziemlich direkt.

„Nein Martin, Boot brauchst du keines organisieren. Ich habe eines.“

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Der Mann hieß Andi.

Und sein Boot Lady Cordula.

Dann bekam ich Fotos.

Eine Bavaria C46.

Brandneu.

Groß.

Modern.

Ich sah mir die Bilder an und dachte:

Alter Schwede.

Bis dahin hatte ich für meine Törns Charterboote gesucht.

Welches Boot ist verfügbar?

Welche Marina?

Wie viele Kabinen?

Welcher Preis?

Welche Ausstattung?

Jeder Törn begann ein Stück weit von vorne.

Jetzt meldete sich plötzlich ein Bootseigner bei mir und sagte im Grunde:

Ich habe das Boot schon.

Lass uns segeln.

Das war eine völlig andere Ausgangslage.

Wir telefonierten.

Schrieben.

Redeten über Segeln, Boote und Pirats.

Andi wollte selbst noch dazulernen.

Ich wiederum wusste, dass ein eigenes Boot etwas anderes ist als eine Charteryacht, die man für eine Woche übernimmt.

Ein Eigner kennt sein Boot.

Seine Eigenheiten.

Seine Technik.

Die Dinge, bei denen man sofort hört:

Das klingt anders als sonst.

Ich hatte dafür Erfahrung mit unterschiedlichen Charterbooten, Crews und Situationen gesammelt.

Je länger wir miteinander redeten, desto mehr hatte ich das Gefühl:

Das könnte passen.

Irgendwann stand fest, dass wir gemeinsam fahren würden.

Im Mai 2026.

Start in Trget.

Mit Lady Cordula.

Als ich dort vor ihr stand, war die Nervosität sofort wieder da.

Nicht so wie beim ersten Chartertörn in Marina Veruda.

Damals hatte ich mich gefragt, ob ich dieses große Boot überhaupt vernünftig aus dem Liegeplatz bekomme.

Inzwischen hatte ich viele Törns hinter mir.

Ich konnte manövrieren.

Ich kannte Crews.

Ich hatte schlechtes Wetter erlebt.

Instrumentenausfälle.

Planänderungen.

Trotzdem pochte mir das Herz.

„Boah, Alter Schwede.“

Lady Cordula war neu.

Groß.

Und vor allem:

Sie gehörte dem Mann, der neben mir stand.

Das macht einen Unterschied.

Bei einem Charterboot weißt du natürlich auch, dass es nicht dir gehört.

Aber der Besitzer steht normalerweise nicht daneben und sieht zu, wie du sein neues Boot zum ersten Mal übernimmst.

Zum Glück war Andi mir von Anfang an sympathisch.

Es entstand nicht dieses unangenehme Gefühl von:

Hier der Besitzer.

Dort der Skipper.

Wir redeten miteinander.

Schauten uns das Boot an.

Gingen Systeme durch.

Er zeigte mir Lady Cordula aus seiner Sicht.

Ich brachte meine Erfahrungen aus den bisherigen Törns ein.

Das gefiel mir.

Ich halte wenig von der Vorstellung, dass jemand irgendwann beim Segeln nichts mehr lernen müsste.

Ein neues Boot ist ein neues Boot.

Wie reagiert es?

Wie verhält es sich unter Motor?

Wie unter Segeln?

Was macht es bei Seitenwind?

Wie läuft es rückwärts?

Wo ist was verstaut?

Welche Abläufe funktionieren an Bord?

Das lernt man nicht vollständig aus technischen Daten.

Man muss mit einem Boot raus.

Und genau darin lag für mich das Spannende.

Bis dahin hatte ich mich bei einem Charterboot innerhalb weniger Tage auf dessen Eigenheiten einstellen müssen.

Am Ende der Woche gab ich es zurück.

Beim nächsten Mal begann vieles erneut.

Lady Cordula eröffnete eine andere Möglichkeit.

Ein Boot öfter fahren.

Es wirklich kennenlernen.

Nicht nur wissen:

Wo ist der Hauptschalter?

Sondern irgendwann auch:

So reagiert sie.

So fühlt sie sich an.

Dieses Geräusch ist normal.

Das hier nicht.

Für einen Skipper ist solche Vertrautheit viel wert.

Aber an diesem ersten Tag war davon natürlich noch keine Rede.

Da stand zunächst einfach ein neues Boot vor mir.

Und ich wollte wissen, wie es segelt.

Für Pirats war die Begegnung ebenfalls interessant.

Ich hatte gerade viel Geld und Energie in die Homepage gesteckt.

Ich versuchte, sichtbarer zu werden.

Crews zu finden.

Das Projekt Schritt für Schritt professioneller aufzubauen.

Und dann entstand diese Verbindung nicht durch Werbung.

Nicht über einen Charteranbieter.

Nicht durch eine Bewerbung.

Andi kam auf mich zu.

Genau deshalb blieb mir später der Gedanke:

Manchmal kommt das Glück auf einen zu.

Das klingt vielleicht etwas groß für eine Nachricht über einen Segeltörn.

Aber rückblickend war sie wichtig.

Denn Lady Cordula sollte nicht einfach irgendein weiteres Boot werden, das ich einmal für eine Woche fuhr.

Zwischen Andi und mir entwickelte sich daraus eine Zusammenarbeit.

Wie genau, das wussten wir an diesem ersten Tag selbst noch nicht.

Zuerst mussten wir überhaupt miteinander segeln.

Ich ging an Bord.

Crew.

Gepäck.

Lebensmittel.

Vorbereitung.

Wie immer.

Und trotzdem fühlte es sich anders an.

Neue Yacht.

Neuer Eigner.

Neue Möglichkeit.

Vor uns lag eine Woche auf der Adria.

Keine Ahnung, ob Andi nach diesem Törn sagen würde:

Passt.

Machen wir weiter.

Oder ob es bei dieser einen gemeinsamen Woche bleiben würde.

Das konnte niemand vorher wissen.

Also machten wir das, was auf einem Segelboot irgendwann jede Theorie beendet.

Wir legten ab.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula

Am 16. Mai 2026 legten wir in Trget ab.

Lady Cordula.

Andi.

Die Crew.

Und ich als Skipper auf einem Boot, das ich bis dahin nur aus Gesprächen, Bildern und der Vorbereitung kannte.

Jetzt begann der Teil, bei dem sich zeigen musste, wie wir miteinander funktionierten.

Nicht irgendwann.

Sondern draußen.

Wir machten am ersten Tag bewusst keine große Strecke.

Gut zwei Seemeilen.

Mehr brauchte es nicht.

Nach Anreise, Vorbereitung, Einräumen und allem, was vor einem Törn dazugehört, wollte ich nicht am ersten Abend noch unbedingt möglichst viele Meilen sammeln.

Zuerst einmal raus aus Trget.

Das Boot kennenlernen.

Die Crew ankommen lassen.

Ein Gefühl dafür bekommen, wie Lady Cordula reagierte.

Wir suchten uns eine Bucht an der Ostküste von Cres.

Ankern.

Motor aus.

Für den ersten Tag reichte das vollkommen.

Das Wetter war nicht besonders einladend.

Es regnete.

Aber das war mir ziemlich egal.

Wir waren da.

Jana und Dragan machten Nudeln mit Fleischsoße.

Ich war inzwischen beinahe vierundzwanzig Stunden auf den Beinen.

Irgendwann war einfach Schluss.

Ich verschwand in meiner Koje.

Am nächsten Morgen war ich um 6:39 Uhr wieder wach.

Die anderen schliefen noch.

Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich hinaus.

Leichter Wind.

Das Wasser.

Ruhe.

Keine große Szene.

Und gerade deshalb ist dieser Morgen später zum Anfang dieses Buches geworden.

Ich musste nichts organisieren.

Noch keine Leine anfassen.

Niemand wollte etwas von mir.

Für ein paar Minuten saß ich einfach nur da.

Kaffee in der Hand.

Lady Cordula unter mir.

Eine Bucht vor Cres vor mir.

Mehr brauchte ich nicht.

Dann kam langsam wieder der Skipper in mir zum Vorschein.

Wetter anschauen.

Bedingungen prüfen.

Was machen wir heute?

Wo fahren wir hin?

Ein Törn beginnt jeden Morgen ein bisschen neu.

Natürlich hatten wir Vorstellungen von der Route.

Aber ich hatte inzwischen oft genug erlebt, dass ein Plan auf dem Meer genau das bleibt:

ein Plan.

Kein Vertrag.

Wir mussten nicht jeden Ort erreichen, nur weil er irgendwann auf einer Liste gestanden hatte.

Also besprachen wir, was für den Tag sinnvoll war.

Dann ging es weiter.

Und jetzt konnte ich Lady Cordula richtig kennenlernen.

Nicht am Steg.

Unterwegs.

Unter Segeln.

Wie reagiert sie?

Wie läuft sie?

Was braucht sie?

Was fühlt sich anders an als bei den Booten, die ich bisher gefahren war?

Andi kannte Lady Cordula als Eigner.

Ich musste sie als Skipper kennenlernen.

Das sind zwei unterschiedliche Blickwinkel.

Und genau deshalb funktionierte unser Austausch gut.

Wir redeten miteinander.

Probierten.

Beobachteten.

Keiner musste dem anderen beweisen, dass er alles besser wusste.

Das gefiel mir.

Am Abend des 17. Mai kamen Delfine.

Solche Begegnungen nutzen sich für mich nicht ab.

Es ist egal, wie oft ich sie vorher schon gesehen habe.

Irgendjemand entdeckt den ersten.

Dann schaut plötzlich jeder aufs Wasser.

Ein Rücken.

Eine Flosse.

Das kräftige Ausatmen an der Oberfläche.

Wieder verschwunden.

Dann tauchen sie an einer anderen Stelle auf.

In solchen Momenten ist die Crew sofort dieselbe.

Alle schauen.

Alle suchen.

Natürlich werden Handys herausgeholt.

Und natürlich taucht der Delfin meistens genau dort auf, wo gerade niemand filmt.

Vielleicht ist das auch gut so.

Nicht alles muss perfekt auf einem Display landen.

Manche Bilder dürfen einfach im Kopf bleiben.

Das Wasser war klar.

Fische waren zu sehen.

Später wurde an Bord gegessen.

Ein Abend ohne große Dramatik.

Aber einer von denen, für die man überhaupt hinausfährt.

Während dieser Tage lernte ich nicht nur Lady Cordula besser kennen.

Andi und ich lernten auch, wie wir miteinander arbeiteten.

Das ist auf einem Boot ziemlich schnell festzustellen.

Man kann vorher stundenlang telefonieren.

Über Segeln reden.

Über Vorstellungen.

Über Zusammenarbeit.

Auf See zeigt sich, wie jemand tatsächlich reagiert.

Wenn ein Manöver ansteht.

Wenn etwas anders läuft als gedacht.

Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.

Ich hatte das Gefühl, dass es zwischen uns funktionierte.

Andi sah wiederum, wie ich mit seinem Boot umging.

Das war mir wichtig.

Lady Cordula war nicht irgendeine Charteryacht, die am Samstag wieder an eine Basis zurückging.

Sie war sein Boot.

Und entsprechend wollte ich damit umgehen.

Nicht ängstlich.

Ein Segelboot ist zum Segeln da.

Aber respektvoll.

Ordentlich.

So, wie ich es selbst erwarten würde, wenn ich einem anderen Menschen mein eigenes Boot überließe.

Im Laufe der Woche kam das Gespräch wieder auf Pirats und auf die Zukunft.

Andi sagte zu mir:

„Du, Martin, ich wäre sowieso an einer Zusammenarbeit mit dir interessiert.“

Das war der Satz, der aus diesem gemeinsamen Törn mehr machte als nur eine Woche auf seinem Boot.

Natürlich bedeutete das nicht, dass in diesem Moment bereits jedes Detail geklärt war.

Aber die Richtung war da.

Wir sprachen darüber, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte.

Für meine Törns Lady Cordula nutzen.

Das Boot besser kennenlernen.

Kontinuität schaffen.

Für mich war das eine völlig neue Situation.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich im Internet Charterboote gesucht.

Jetzt saß ich mit einem Eigner auf seinem Boot und wir redeten darüber, künftig zusammenzuarbeiten.

Manchmal verändert sich eine Situation schneller, als man selbst hinterherkommt.

Die Tage gingen weiter.

Segeln.

Motor.

Buchten.

Anlegen.

Ablegen.

Kochen.

Schwimmen.

Reden.

Der normale Rhythmus eines Törns.

Am 20. Mai kamen wir nach Novalja.

Dieser Ort hatte inzwischen mehrere Versionen von mir erlebt.

Den Martin vom ersten Urlaub.

Ferienwohnung.

Zrće.

Party.

Dann den Martin, der ein Jahr später tatsächlich mit einem Segelboot dort ankam und zu seinen Leuten sagte:

„Ich habe es euch gesagt.“

Und jetzt kam ich mit Lady Cordula.

Novalja war nicht mehr das große Ziel einer Reise.

Es war eine Station.

Das allein zeigte mir, wie sehr sich mein Verhältnis zu Kroatien verändert hatte.

Wir lagen direkt am Pier.

Neben uns ein anderes Boot.

Irgendwann kamen wir mit den Leuten dort ins Gespräch.

Die übliche Frage:

Woher kommt ihr?

Tirol.

Gut.

Wo aus Tirol?

Telfs.

Ich musste lachen.

Da fährt man mit einem Segelboot durch Kroatien und landet in Novalja neben Leuten aus Tirol.

Ausgerechnet aus Telfs.

Die Welt ist manchmal erstaunlich klein.

Aus einem kurzen Gespräch wurde ein längerer Abend.

Bier.

Reden.

Lachen.

Andi und ich gingen irgendwann eine Piña Colada trinken.

Später essen.

Die Crew beschäftigte sich ebenfalls mit dem wichtigen Thema Abendessen.

Es war einer dieser Abende, bei denen sich nichts Spektakuläres ereignet und trotzdem niemand früh ins Bett will.

Novalja.

Warme Luft.

Boot am Pier.

Menschen.

Genau richtig.

Am nächsten Tag wurde es länger.

Der 21. Mai brachte nach meinen Aufzeichnungen ungefähr 35,5 Seemeilen.

Mehr als zehn Stunden waren wir insgesamt unterwegs.

An solchen Tagen bekommt man ein anderes Gefühl für Entfernung.

Auf einer Karte sehen 35 Seemeilen nicht nach besonders viel aus.

Auf dem Wasser ist es ein ganzer Tag.

Wind beobachten.

Kurs.

Segel.

Verkehr.

Crew.

Dann wieder eine Änderung.

Ein Stopp.

Weiter.

Wir kamen nach Ilovik.

Andi und ich aßen Tintenfischsalat.

Andere aus der Crew nutzten die Pause zum Schwimmen oder einfach zum Ausruhen.

Dann ging es wieder los.

Unser Tagesziel lag noch vor uns.

Uvala Maracol auf Unije.

Am Abend nahmen wir dort eine Boje.

Nach einem langen Tag gibt es ein Geräusch, das ich besonders mag.

Der Motor geht aus.

Plötzlich ist Ruhe.

Die Leinen sind fest.

Das Boot liegt.

Für heute müssen wir nirgendwo mehr hin.

Es gab Pasta.

Wir saßen noch zusammen.

Aber bei mir war die Energie irgendwann aufgebraucht.

35,5 Seemeilen und mehr als zehn Stunden unterwegs waren genug.

Ich ging schlafen.

Kein großes Nachtleben.

Kein Abenteuer.

Einfach müde.

Auch das gehört zum Segeln.

Der 22. Mai war unser Rückfahrttag nach Trget.

Am Morgen beobachteten wir zunächst die Bedingungen und die Entwicklung der Bora.

Wir hatten Zeit.

Also warteten wir.

Nicht fahren, nur weil man früh fertig ist.

Erst schauen.

Dann entscheiden.

Gegen Mittag ging es los.

Jetzt bekam Lady Cordula noch einmal Wind.

In meinen Aufzeichnungen stehen ungefähr elf bis zwölf Knoten Grundwind und Böen bis etwa sechsundzwanzig Knoten.

Sie lief gut.

Sehr gut.

Genau für solche Momente war sie gebaut.

Segel.

Wind.

Das Boot arbeitet.

Und wieder dieses Gefühl:

So soll es sein.

Nur hält Wind sich nicht an unsere Wünsche.

Nach ungefähr drei Stunden wurde es ruhiger.

Also Motor an.

Ich nenne ihn manchmal die eiserne Genua.

Wenn der Wind keine Lust mehr hat, übernimmt eben der Diesel.

Auch das gehört zum Segeln.

Auf den schönen Bildern sieht man meistens weiße Segel vor blauem Himmel.

Auf echten Törns läuft zwischendurch ein Motor.

Manchmal länger, als einem lieb ist.

Wenn man zurück nach Trget muss und der Wind weg ist, kann man entweder sehr geduldig werden.

Oder den Schlüssel drehen.

Wir drehten den Schlüssel.

Unterwegs entdeckten wir eine Meeresschildkröte an der Oberfläche.

Sie tauchte nicht ab.

Zumindest nicht, solange wir sie beobachteten.

Uns kam ihr Verhalten ungewöhnlich vor.

Was genau mit ihr war, konnten wir nicht feststellen.

Vielleicht war alles in Ordnung.

Vielleicht auch nicht.

Wir versuchten, das Aquarium in Pula telefonisch zu erreichen.

Keine Antwort.

Also gaben wir die Position schriftlich weiter.

Mehr konnten wir in diesem Moment nicht tun.

Das ist mir bei solchen Geschichten wichtig.

Wir haben keine Schildkröte gerettet.

Wir wissen nicht einmal sicher, ob sie Hilfe gebraucht hätte.

Wir haben etwas gesehen, das uns ungewöhnlich vorkam.

Wir haben hingeschaut.

Und wir haben versucht, die Information weiterzugeben.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Irgendwann kam Trget wieder in Sicht.

Der Kreis schloss sich.

Eine Woche zuvor waren wir dort abgelegt.

Lady Cordula war für mich ein neues Boot gewesen.

Andi ein Mensch, mit dem ich zum ersten Mal gemeinsam segelte.

Jetzt kamen wir zurück.

Mit gemeinsam gefahrenen Meilen.

Mit Erlebnissen.

Mit Gesprächen.

Und mit einer Idee, wie es weitergehen könnte.

Wir machten Lady Cordula fest.

Leinen.

Motor aus.

Sicher.

Dann begann das übliche Ende eines Törns.

Wasser auffüllen.

Das Boot mit Süßwasser abspülen.

Aufräumen.

Gepäck zusammenpacken.

Dinge suchen, von denen jeder überzeugt ist, dass er sie ganz sicher genau dort hingelegt hat.

Noch einmal essen.

An diesem Abend wieder Nudeln mit Fleischsoße.

Fast wie am Anfang.

Meine Aufzeichnungen zeigen für diese Woche insgesamt 128,4 Seemeilen und etwas mehr als 43 Stunden Fahrtzeit.

Zahlen sind gut für ein Logbuch.

Sie helfen später, eine Reise einzuordnen.

Aber sie erklären nicht, warum eine Woche hängen bleibt.

128,4 Seemeilen sagen nichts über einen Kaffee um 6:39 Uhr in einer Bucht aus.

Nichts über Delfine.

Nichts über einen Abend in Novalja neben Menschen aus Telfs.

Nichts über Müdigkeit nach einem langen Tag.

Nichts über eine Schildkröte an der Oberfläche.

Und nichts darüber, wie sich ein Boot nach einer Woche plötzlich weniger fremd anfühlt.

Dafür braucht es Erinnerungen.

Lady Cordula gehörte weiterhin Andi.

Das war klar.

Aber für Pirats hatte sich in dieser Woche eine neue Möglichkeit geöffnet.

Nicht mehr jedes Mal irgendein neues Charterboot suchen.

Nicht jedes Mal bei null anfangen.

Ein Boot häufiger fahren.

Es kennenlernen.

Abläufe entwickeln.

Und mit einem Eigner zusammenarbeiten, mit dem ich mich verstand.

Für meine künftigen Törns sollte ich Lady Cordula von Andi chartern.

Damit war sie nicht mein Boot.

Aber sie wurde ein wichtiger Teil von Pirats.

Das war ein Unterschied.

Ein großer sogar.

Als ich nach diesem Törn wieder nach Tirol fuhr, war nicht plötzlich mein ganzes Leben geklärt.

Ich hatte meinen Arbeitsplatz noch.

Meine Fragen ebenfalls.

Pirats war nicht über Nacht zu einem riesigen Unternehmen geworden.

Und die Weltumsegelung war noch immer nur ein Gedanke irgendwo weit draußen.

Aber etwas hatte sich bewegt.

Im April hatte ich am Lift gesagt:

„Ich arbeite daran.“

Wenige Wochen später war ich mit Lady Cordula unterwegs gewesen und aus einer zufälligen Nachricht war eine Zusammenarbeit entstanden.

Manchmal arbeitet man lange an einer Tür.

Und manchmal geht plötzlich eine andere auf, von der man vorher gar nicht wusste, dass sie da ist.

Mehr musste ich aus dieser Woche noch nicht machen.

Sie war erst der Anfang.

Zum Inhaltsverzeichnis

Teil V – Der eigene Weg

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien

Nach einem Törn kommt irgendwann der Moment, an dem man wieder nach Hause fährt.

Das Boot bleibt zurück.

Taschen kommen ins Auto.

Die Straße führt nach Norden.

Und irgendwann tauchen wieder die Berge auf.

Tirol.

Zuhause.

Ich kenne beide Gefühle inzwischen gut. Die Vorfreude auf Kroatien. Und dieses merkwürdige Zurückkommen, wenn eine Woche auf dem Meer vorbei ist. Manchmal dauert es ein oder zwei Tage, bis der Kopf ebenfalls wieder angekommen ist.

Auf dem Boot besteht das Leben aus ziemlich unmittelbaren Dingen.

Wetter.

Wind.

Route.

Essen.

Anlegen.

Ablegen.

Wo fahren wir hin?

Wo schlafen wir?

Dann ist man wieder zuhause und plötzlich stehen andere Dinge vor einem.

Arbeit.

Termine.

Rechnungen.

Alltag.

Das eine ist nicht echter als das andere. Es fühlt sich nur anders an.

Lange hätte ich wahrscheinlich gesagt:

In Kroatien bin ich frei.

In Tirol muss ich arbeiten.

Heute wäre mir das zu einfach.

Tirol war nie nur das, wovon ich wegwollte.

Hier bin ich aufgewachsen.

Hier habe ich gearbeitet.

Hier leben Menschen, die zu meiner Geschichte gehören.

Und hier begann ausgerechnet auch das Segeln.

Am Achensee.

Nicht an der Adria.

Nicht irgendwo unter Palmen.

Mit einem Spaziergang und einem Satz:

„Das will ich auch machen.“

Mein Weg zum Meer begann nicht mit einer Flucht aus Tirol.

Er begann mitten darin.

Trotzdem zieht mich Kroatien an.

Das Meer.

Die Küste.

Die Inseln.

Das Unterwegssein mit dem Boot.

Dieses Gefühl, morgens noch nicht genau zu wissen, in welcher Bucht der Tag enden wird.

Ich mag auch die Verantwortung, die dazugehört. Das klingt vielleicht zunächst wie ein Widerspruch. Freiheit und Verantwortung werden gerne als Gegensätze behandelt. Beim Segeln gehören sie für mich zusammen.

Ich kann entscheiden, wohin wir fahren. Aber ich muss auch entscheiden, wann wir nicht fahren. Ich kann eine Route planen. Aber ich muss sie ändern, wenn Wetter, Boot oder Crew etwas anderes verlangen. Ich kann Freiheit genießen. Aber nicht auf Kosten der Sicherheit anderer.

Vor Cres habe ich gelernt, dass Umdrehen keine Niederlage sein muss. Mit Nicole habe ich erlebt, dass eine Planänderung zu einem Ort führen kann, den man sonst nie gesehen hätte.

Freiheit heißt für mich deshalb immer weniger:

Ich mache, was ich will.

Eher:

Ich darf meinen Kurs wählen.

Und ich trage die Verantwortung dafür.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb die Frage nach Tirol und Kroatien so sehr.

Es geht nicht nur um zwei Orte. Es geht um zwei Seiten meines Lebens.

In Tirol habe ich Struktur.

Arbeit.

Geschichte.

Menschen.

Dinge, die mich halten.

In Kroatien spüre ich stärker dieses Ziehen nach vorne.

Was kommt hinter der nächsten Insel?

Welche Crew kommt als Nächstes?

Wie weit kann Pirats gehen?

Muss ich mich irgendwann für eines entscheiden?

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

Ich weiß es nicht.

Und ich möchte nicht so tun, als müsste ein Buch diese Frage beantworten, nur weil irgendwann eine letzte Seite kommt. Vielleicht gibt es zwischen Bleiben und Gehen mehr Möglichkeiten, als man zunächst denkt. Vielleicht suche ich genau dort meinen Weg.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 12 – Pirats ist nicht nur ein Name

Pirats of Croatia begann nicht mit einem Geschäftsplan.

Es begann mit einem Satz.

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Dann kam das erste Charterboot.

Medulin.

Novalja.

Delfine.

Die Heimfahrt.

Und irgendwann die Idee:

Das solltest du öfter machen.

Dann brauchte die Sache einen Namen.

Pirats of Croatia.

Ohne E.

Mit Totenkopf.

Eine Facebook-Seite.

Ein paar Bilder.

Und zunächst ziemlich wenig Reaktion.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, gefällt mir genau dieser Anfang. Nicht weil alles sofort funktioniert hätte. Sondern weil es das nicht tat.

Pirats musste wachsen.

Langsam.

Erst mit Menschen, die ich kannte.

Dann mit Menschen, die ich vorher nie gesehen hatte.

Irgendwann stand nicht mehr nur die Frage im Raum:

Wer von meinen Freunden hat nächste Woche Zeit?

Fremde meldeten sich.

Menschen, die mir eine Woche ihres Urlaubs anvertrauten.

Und auf dem Boot irgendwann auch einen Teil ihrer Sicherheit.

Damit verändert sich eine Idee. Pirats war nicht mehr nur das, was ich selbst darin sah. Es wurde auch das, was andere an Bord erlebten.

Für einen ist es die erste Nacht vor Anker.

Für jemand anderen ein Delfin.

Eine Bucht.

Ein Abend in einer Konoba.

Ein Manöver.

Eine Welle, die größer aussieht als gewünscht.

Oder einfach eine Woche, die anders war als der Alltag.

Nicole ist dafür ein gutes Beispiel.

Sie wurde nach ihrem Törn nicht zur begeisterten Seglerin.

Trotzdem erzählt sie bis heute von den Rehen.

Von den Spinnen.

Von Osor.

Pirats muss nicht bedeuten, dass jeder anschließend dasselbe im Segeln sieht wie ich. Jeder darf etwas Eigenes mitnehmen. Vielleicht ist genau das wichtig.

Auch Andi kam nicht in meine Geschichte, weil ich ihn gesucht hatte.

Er schrieb mir.

Er hatte Lady Cordula.

Wir gingen gemeinsam segeln.

Daraus entstand eine Zusammenarbeit.

Wieder kein großer Masterplan.

Ein Kontakt.

Eine Woche.

Vertrauen.

Dann ein nächster Schritt.

Wenn ich nie mit dem ersten Charterboot nach Novalja gefahren wäre, hätte es Pirats nicht gegeben. Ohne Pirats hätte mich Andi wahrscheinlich nie angeschrieben. Ein Schritt verändert die Möglichkeit für den nächsten. Das gefällt mir an dieser Geschichte.

Natürlich besteht Pirats nicht nur aus schönen Bildern.

Es besteht auch aus Versicherungen.

Crewlisten.

Charter.

Lebensmitteln.

Bordkasse.

Wetter.

Routen.

Homepage.

Werbung.

Anfragen.

Absagen.

Nachrichten.

Fragen.

Vorbereitung.

Manchmal besteht Pirats deutlich mehr aus Telefon und Computer als aus Segeln. Auch das gehört dazu.

Aber wenn eine Crew schließlich an Bord steht und wir ablegen, weiß ich wieder, warum ich den ganzen anderen Teil mache.

Pirats ist für mich deshalb inzwischen weniger ein Name als eine Sammlung von Geschichten. Und diese Sammlung ist noch nicht fertig.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 13 – Nicht alles muss sofort Sinn ergeben

Wenn ich meinen bisherigen Weg als saubere Linie erzählen wollte, müsste ich ziemlich viel erfinden.

Automechanikerlehre.

Bäcker.

Lift.

Lkw.

Familie.

Network Marketing.

Betonwerk.

Wieder Lkw.

Scheidung.

DJ.

Tauchen.

Kitesurfen.

Kroatien.

Segeln.

Pirats.

Lady Cordula.

Auf einer Liste sieht das nicht unbedingt nach einem besonders konsequenten Lebensplan aus.

Vielleicht war es auch keiner.

Früher hätte mich stärker beschäftigt, ob all diese Stationen irgendwann einen gemeinsamen Sinn ergeben müssen. Heute sehe ich das entspannter. Manche Dinge waren für ein paar Jahre wichtig. Dann nicht mehr. Das macht sie nicht wertlos.

Das Tauchen führte nicht direkt zu Pirats. Meine Zeit als DJ ebenfalls nicht. Kitesurfen war kein geheimer Vorbereitungskurs fürs Segeln. Und trotzdem gehört alles zu meiner Geschichte.

Beim Tauchen zog mich das Wasser zurück.

Beim DJing lernte ich, Menschen und Stimmungen zu lesen.

Beim Kitesurfen kam wieder Wind dazu.

Manches blieb.

Manches verschwand.

Und manches tauchte Jahre später in einer anderen Form wieder auf.

Ich habe auch gelernt, dass Selbstsicherheit nicht überall gleich funktioniert. Man kann in einem Bereich Verantwortung übernehmen und sich in einem anderen von etwas völlig Banalen bremsen lassen.

Bei mir reichte dafür zeitweise eine Leggings und die Frage:

Was denken die Leute?

Heute kann ich darüber lachen. Damals war die Frage real. Vielleicht sind genau solche kleinen Dinge manchmal ehrlicher als die großen. Sie zeigen, wie leicht man Erwartungen übernimmt, ohne überhaupt zu wissen, wer sie aufgestellt hat.

Natürlich bedeutet „den eigenen Weg gehen“ nicht, jede Grenze zu ignorieren.

Geld bleibt Geld.

Gesundheit bleibt Gesundheit.

Verantwortung bleibt Verantwortung.

Sicherheit bleibt Sicherheit.

Andere Menschen verschwinden nicht nur deshalb, weil man selbst einen Traum hat. Aber innerhalb dieser Realität gibt es oft mehr Möglichkeiten, als man zuerst glaubt. Das habe ich bei Pirats erlebt.

Ein Törn voll.

Ein anderer nicht.

Eine Zusage.

Eine Absage.

Werbung.

Homepage.

Lift.

Kroatien.

„Immer dieses Auf und Ab.“

Und trotzdem weiter.

Nicht weil ich wusste, dass am Ende alles funktionieren würde.

Sondern weil ich wissen wollte, was daraus werden kann.

Vielleicht ist genau das mein roter Faden.

Nicht ein Beruf.

Nicht ein Ort.

Nicht einmal das Segeln allein.

Eher die Neugier auf den nächsten Abschnitt.

Manchmal wusste ich erst hinterher, welcher kleine Schritt tatsächlich wichtig gewesen war.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 14 – Der Traum von der Welt

Irgendwann kam der Gedanke an eine Weltumsegelung.

Natürlich.

Wenn man lange genug von Segelbooten spricht, landet man gedanklich irgendwann bei der Frage:

Wie wäre es, einfach weiterzufahren?

Nicht nach einer Woche zurück in die Charterbasis.

Nicht Samstagmorgen auschecken.

Nicht das Boot abgeben.

Einfach weiter.

Adria.

Mittelmeer.

Atlantik.

Und irgendwann vielleicht Orte, die für mich heute nur Namen auf einer Karte sind.

Der Gedanke gefällt mir.

Sonst wäre er nicht geblieben.

Früher sah ich darin wahrscheinlich vor allem Freiheit.

Heute sehe ich zusätzlich die Arbeit.

Ein Boot braucht Wartung.

Reparaturen.

Geld.

Technik.

Versicherungen.

Ersatzteile.

Wetterplanung.

Und weit weg von zuhause löst nicht jedes Problem jemand in einer Marina. Je mehr ich übers Segeln gelernt habe, desto weniger romantisch wurde die Vorstellung. Seltsamerweise machte das den Traum nicht kleiner. Nur ehrlicher.

Ich weiß nicht, ob ich jemals um die Welt segeln werde. Das ist kein künstlich offengelassener Satz für ein schönes Buchende. Ich weiß es tatsächlich nicht.

Vielleicht entsteht irgendwann die Möglichkeit. Vielleicht verändern sich meine Wünsche. Vielleicht wird etwas anderes wichtiger. Vielleicht bleibt die Weltumsegelung ein Gedanke. Auch das wäre kein Scheitern.

Nicht jeder Traum braucht einen Projektplan. Manche Träume zeigen nur eine Richtung.

Für mich sagt dieser vor allem:

Ich möchte noch nicht fertig sein.

Ich möchte noch etwas sehen.

Noch etwas lernen.

Noch irgendwo ankommen, wo ich vorher nicht war.

Ein Kurs ist wichtig.

Aber jeder Skipper weiß, dass ein Kurs geändert werden kann.

Nicht ziellos.

Aber beweglich.

Damit kann ich leben.

Zum Inhaltsverzeichnis

Kapitel 15 – Noch unterwegs

Wenn ich an den Anfang zurückdenke, sehe ich wieder den Achensee.

Segelboote auf dem Wasser.

Meine damalige Frau neben mir.

Und mich mit diesem Satz:

„Das will ich auch machen.“

Mehr war es nicht.

Kein Lebensplan.

Kein Pirats.

Kein Kroatien.

Keine Lady Cordula.

Nur ein Gedanke.

Ich möchte segeln.

Später verschwand das Segeln fast vollständig aus meinem Leben.

Andere Dinge wurden wichtiger.

Arbeit.

Familie.

Dann Tauchen.

Musik.

Kitesurfen.

Eine Scheidung, nach der ich überhaupt erst wieder herausfinden musste, wie es weitergeht.

Und irgendwann Kroatien.

Ein Küstenpatent, das während eines Urlaubs plötzlich eine gute Idee gewesen war.

Dann wieder ein Satz:

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Und diesmal tat ich es.

Vielleicht ist genau das der Teil meiner Geschichte, den ich selbst am interessantesten finde.

Nicht, dass alles funktioniert hat.

Das hat es nicht.

Nicht, dass ich immer wusste, was richtig war.

Wusste ich ebenfalls nicht.

Sondern dass manche Dinge zurückkommen.

Eine Idee verschwindet.

Jahre später steht sie wieder vor einem.

Etwas, das früher nur ein Versuch war, wird plötzlich wichtig.

Manchmal erkennt man einen roten Faden erst, wenn man längst ein gutes Stück daran entlanggegangen ist.

Am 17. Mai 2026 saß ich um 6:39 Uhr mit einem Kaffee auf Lady Cordula.

Die anderen schliefen noch.

Vor mir eine Bucht.

Hinter mir viele Jahre, die anders verlaufen waren, als ich sie als junger Mann hätte planen können.

Ich dachte nicht:

Jetzt habe ich es geschafft.

So fühlte es sich nicht an.

Eher:

Schau, wo du gelandet bist.

Das war etwas anderes.

Ich war Bäcker.

Liftbediensteter.

Lkw-Fahrer.

Mischmeister.

DJ.

Ich tauchte.

Ich kitesurfte.

Ich lernte segeln, ließ es wieder aus meinem Leben verschwinden und fand Jahre später genau dorthin zurück.

Und irgendwann stand ich als Skipper auf einem Segelboot in Kroatien.

Heute ist das einfach meine Geschichte.

Keine besonders gerade.

Aber meine.

Pirats gehört inzwischen dazu.

Nicht als Endpunkt.

Nicht als Beweis, dass jetzt alles gefunden wäre.

Es ist das, woran ich gerade arbeite.

Etwas, das größer geworden ist, weil ich ihm Zeit gegeben habe.

Vielleicht wird es noch viel größer.

Vielleicht verändert es sich.

Ich weiß es nicht.

Aber ich möchte sehen, was daraus wird.

Auch die Frage nach Freiheit ist für mich nicht abgeschlossen.

Vielleicht wird sie das nie.

Freiheit war einmal der Führerschein.

Dann die Straße.

Später Musik.

Wasser.

Kroatien.

Ein Boot.

Heute bedeutet sie für mich weniger, keine Verpflichtungen zu haben.

Eher, Entscheidungen bewusst zu treffen.

Nicht jede Erwartung automatisch zu übernehmen.

Nicht nur dort zu bleiben, wo etwas sicher ist, wenn einen etwas anderes seit Jahren nicht loslässt.

Aber auch nicht blind alles hinzuwerfen, nur weil ein Traum schöner klingt als ein Montagmorgen.

Freiheit ohne Verantwortung interessiert mich immer weniger.

Vielleicht ist genau das etwas, das mir das Segeln beigebracht hat.

Ich weiß nicht, ob mein Weg irgendwann nach Kroatien führt.

Oder immer zwischen Tirol und dem Meer hin und her.

Ich weiß nicht, ob ich eines Tages um die Welt segle.

Wie Pirats in einigen Jahren aussieht.

Welche Menschen noch an Bord kommen.

Welche Häfen.

Welche Buchten.

Welche Umwege.

Ich könnte für einen schönen Buchschluss so tun, als wüsste ich es.

Aber das wäre nicht meine Geschichte.

Meine Geschichte war selten schön gerade.

Warum sollte sie ausgerechnet auf den letzten Seiten damit anfangen?

Am Achensee wusste ich nicht, wohin mich das Segeln einmal bringen würde.

Heute weiß ich genauso wenig, wohin es mich noch bringt.

Der Unterschied ist:

Damals stand ich am Ufer und schaute den Booten zu.

Heute bin ich selbst draußen.

Der Kurs ist nicht fertig.

Die Geschichte auch nicht.

Ich bin noch unterwegs.

Zum Inhaltsverzeichnis

Epilog – Noch nicht angekommen

Dieses Buch endet im Jahr 2026. Nicht weil die Geschichte hier abgeschlossen wäre. Sondern weil ein Buch irgendwann eine letzte Seite braucht.

Pirats existiert. Lady Cordula ist Teil davon geworden. Tirol ist noch immer mein Zuhause. Kroatien zieht mich noch immer an.

Was daraus noch entsteht, weiß ich nicht. Und genau hier soll dieses Buch enden.

Nicht angekommen.

Aber unterwegs.

Der Rest ist noch nicht geschrieben.

Zum Inhaltsverzeichnis

Über Martin Singer

Martin Singer, geboren 1973, ist in Tirol aufgewachsen.

Sein beruflicher Weg führte ihn unter anderem vom Bäckerhandwerk über die Arbeit am Lift und viele Jahre als Lkw-Fahrer bis zum Mischmeister und DJ.

Das Wasser tauchte dabei immer wieder in seinem Leben auf: zuerst beim Segeln am Achensee, später beim Tauchen und Kitesurfen und schließlich wieder beim Segeln auf dem Meer.

Aus den ersten selbst organisierten Chartertörns in Kroatien entstand Pirats of Croatia.

Martin organisiert Segeltörns, arbeitet weiter am Aufbau von Pirats und verbringt so viel Zeit wie möglich auf und am Meer.

„Pirats of Croatia – Freiheit, das Meer und die Suche nach dem eigenen Weg“ erzählt seinen bisherigen Weg bis zum Jahr 2026.

Nicht als abgeschlossene Erfolgsgeschichte.

Sondern als Geschichte eines Menschen, der noch unterwegs ist.

Zum Inhaltsverzeichnis

Pirats of Croatia

Pirats of Croatia entstand aus einem einfachen Gedanken.

Nach einem Urlaub in Novalja hatte Martin angekündigt:

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Er hielt sein Versprechen. Aus dem ersten eigenen Chartertörn wurden weitere Reisen, ein Name, ein Logo und schließlich ein Segelprojekt, an dem immer mehr Menschen teilnahmen.

Die ungewöhnliche Schreibweise „Pirats“ ohne E blieb bewusst bestehen und wurde Teil der eigenen Identität.

Im Mittelpunkt stehen bis heute nicht möglichst viele Seemeilen und kein starrer Reiseplan. Es geht um gemeinsames Unterwegssein. Um Buchten, Inseln und Häfen. Um Menschen, die sich teilweise erst an Bord kennenlernen. Um Segeln, Verantwortung und die Freiheit, einen Plan auch ändern zu können.

Mit Lady Cordula und der Zusammenarbeit mit ihrem Eigner Andi begann 2026 ein weiteres Kapitel dieser Geschichte. Wie es weitergeht, ist offen. Genau deshalb gehört auch Pirats of Croatia zu diesem Buch.

Zum Inhaltsverzeichnis

Bildnachweise

Segelboot im Sonnenuntergang. — Bildarchiv Martin Singer / Pirats of Croatia

Vor einer bewaldeten Felsküste. — Bildarchiv Martin Singer / Pirats of Croatia

Pirats-Kleidung mit dem Sailing-Team-Motiv. — Bildarchiv Martin Singer / Pirats of Croatia

Küste und klares Wasser aus der Vogelperspektive. — Bildarchiv Martin Singer / Pirats of Croatia

Zum Inhaltsverzeichnis

Impressum / Versionsangabe

PIRATS OF CROATIA
Freiheit, das Meer und die Suche nach dem eigenen Weg

Autor und verantwortlich für den Inhalt:
Martin Singer
Auenweg 15
6166 Fulpmes
Österreich

E-Mail:
piratsofcroatiall@gmail.com

Erste Online-Ausgabe · 2026

Bildmaterial:
Bildarchiv Martin Singer / Pirats of Croatia

Alle Rechte vorbehalten.

Zum Inhaltsverzeichnis