Teil I – Bevor das Meer zurückkam
Kapitel 1 – Das will ich auch machen
Ich bin 1973 geboren und in Tirol aufgewachsen.
Das Meer gehörte nicht zu meinem Alltag.
Berge schon.
Wenn ich damals an Freiheit dachte, dachte ich auch nicht an Segelboote oder einsame Buchten irgendwo in Kroatien. Ich dachte ans Unterwegssein.
An Straßen.
An neue Orte.
An die große Welt.
Nur wusste ich noch nicht, wie ich dorthin kommen sollte.
Zuerst wollte ich Automechaniker werden. Ich begann eine Lehre und brach sie wieder ab.
Danach machte ich eine Ausbildung zum Bäcker.
Später arbeitete ich bei der Stubaier Gletscherbahn als Liftbediensteter.
Nicht, weil ich damals schon meine große Leidenschaft für Seilbahnen entdeckt hätte.
Der Grund war wesentlich praktischer.
Ich wollte meinen Führerschein machen.
Und den Lkw-Schein.
Seit meiner Schulzeit hatte ich davon geträumt, Lastwagen zu fahren. Für mich bedeutete das: unterwegs sein. Nicht jeden Tag am selben Ort. Etwas von der Welt sehen.
Dafür brauchte ich Geld.
Also arbeitete ich am Lift, sparte und machte schließlich beide Führerscheine.
Danach ging es tatsächlich los.
Ich wurde Lkw-Fahrer.
Natürlich sah die große Freiheit hinter dem Lenkrad etwas anders aus als in meiner Vorstellung.
Lkw-Fahren bedeutete nicht einfach nur:
Motor an und hinaus in die Welt.
Es bedeutete Termine, Verkehr, lange Tage, Verantwortung und Müdigkeit.
Trotzdem mochte ich dieses Unterwegssein.
Ich hatte ein Ziel.
Eine Strecke.
Ich fuhr los und kam irgendwo an.
Das passte zu mir.
In dieser Zeit lernte ich auch die Frau kennen, die später meine Frau wurde.
Wir heirateten.
Wir bekamen einen Sohn.
Aus meinem Leben, das vorher vor allem aus Arbeit und Unterwegssein bestanden hatte, wurde nach und nach etwas anderes.
Familie.
Verantwortung.
Alltag.
Meine Frau und ich betrieben außerdem gemeinsam Network Marketing. Wir waren viel unterwegs und beschäftigt.
Es war ein volles Leben.
Vielleicht sogar zu voll für manche Dinge.
Aber das wusste ich damals noch nicht.
Denn irgendwo mitten in diesem Leben tauchte zum ersten Mal etwas auf, das viele Jahre später noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommen sollte.
Das Segeln.
Ich war mit meiner Frau am Achensee spazieren.
Mehr war es eigentlich nicht.
Ein Spaziergang.
Auf dem Wasser waren Segelboote unterwegs.
Ich blieb stehen und sah ihnen zu.
Vielleicht kennt jeder solche Momente.
Man sieht etwas, das einen plötzlich interessiert, obwohl man fünf Minuten vorher noch überhaupt nicht darüber nachgedacht hat.
Bei mir war es genau so.
Ich schaute aufs Wasser und sagte:
„Das will ich auch machen.“
Keine lange Diskussion.
Kein Traum, den ich seit meiner Kindheit mit mir herumgetragen hätte.
Ich sah Segelboote.
Und wollte segeln.
Also begann ich damit.
Ich verbrachte in der Folge Wochen und Monate am Achensee.
Ich hatte Glück mit meinem Trainer.
Er brachte uns nicht nur bei, wie man bei schönem Wetter mit einem Boot über einen See fährt.
Wir gingen auch hinaus, wenn es unangenehm wurde.
Eine dieser Fahrten ist mir bis heute besonders geblieben.
Das Wetter war schlecht.
Es hagelte.
Und wir waren das einzige Segelboot draußen.
Heute könnte man natürlich fragen:
Warum fährt man bei so einem Wetter überhaupt hinaus?
Damals war genau das Teil der Ausbildung.
Mein Trainer sagte sinngemäß zu mir:
„Wenn du irgendwann eines Tages auf dem Meer unten segelst, kannst du auch nicht einfach an Land gehen und dich in einen trockenen Raum setzen. Da musst du auch durch.“
Dieser Satz blieb hängen.
Nicht deshalb, weil ich daraus gelernt hätte, schlechtes Wetter zu ignorieren.
Ganz im Gegenteil.
Viele Jahre später würde ich auf dem Meer lernen, dass ein guter Skipper manchmal gerade dadurch Verantwortung übernimmt, dass er nicht weiterfährt.
Dass er einen Plan ändert.
Dass er umdreht.
Dass er Nein sagt.
Aber mein Trainer hatte mit etwas anderem recht:
Segeln besteht nicht nur aus Sonne, blauem Wasser und schönen Bildern.
Wenn du ein Boot führst, kannst du nicht bei jedem unangenehmen Moment sagen:
Jetzt habe ich keine Lust mehr.
Du musst verstehen, was passiert.
Du musst Entscheidungen treffen.
Und du musst Verantwortung übernehmen.
Damals ging es nur um mich und ein Boot am Achensee.
Später würden Menschen dazukommen.
Eine Crew.
Das Meer.
Und wesentlich größere Boote.
Davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt nichts.
Ich lernte segeln.
Und ich mochte es.
Dieses Zusammenspiel aus Wind und Boot.
Das Gefühl, wenn der Motor keine Rolle spielt und nur noch der Wind bestimmt, wie schnell man unterwegs ist.
Kurs halten.
Segel einstellen.
Reagieren.
Es war etwas völlig anderes als Lkw-Fahren.
Und trotzdem hatte beides etwas gemeinsam.
Bewegung.
Unterwegs sein.
Nur dass es diesmal keine Straße gab.
Später, als mein Sohn alt genug war, nahm ich auch ihn ein paarmal mit zum Segeln.
Das sind Erinnerungen, die geblieben sind.
Aber irgendwann wurde es weniger.
Nicht plötzlich.
Es gab keinen Tag, an dem ich sagte:
Ab heute segle ich nicht mehr.
Das Leben wurde einfach voller.
Arbeit.
Familie.
Termine.
Network Marketing.
Lkw.
Es gab immer etwas, das wichtiger oder dringender erschien.
Und irgendwann merkte ich, dass das Segeln kaum noch vorkam.
So verschwinden manche Dinge aus einem Leben.
Nicht mit einem großen Abschied.
Sie werden einfach immer seltener.
Bis sie irgendwann nur noch eine Erinnerung sind.
Der Achensee blieb natürlich dort, wo er war. Und auch das Segeln war nicht wirklich verschwunden. Nur ich hatte gerade keinen Platz mehr dafür.
Damals dachte ich nicht viel darüber nach. Das Leben ging weiter. Andere Dinge wurden wichtiger.
Ich konnte nicht wissen, dass ausgerechnet diese Erfahrung Jahre später noch einmal eine große Rolle spielen würde. Zu diesem Zeitpunkt war Segeln einfach etwas, das ich eine Zeit lang mit Begeisterung gemacht hatte und dann immer seltener. Es verschwand erst einmal in den Hintergrund.
Aber das Wasser ließ mich offenbar nicht ganz los.
Es kam nur auf eine andere Art zurück.
Und dafür musste ich ausgerechnet zu einem Seminar nach München.