Teil III – Menschen an Bord
Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen
Pirats of Croatia hatte jetzt einen Namen.
Ein Logo.
Eine Facebook-Seite.
Und vor allem eine Geschichte, die ich selbst erlebt hatte.
Ich wusste, wie sich so eine Woche auf dem Meer anfühlen konnte.
Die erste Nervosität beim Ablegen.
Eine Nacht vor Anker.
Eine leere Bucht.
Novalja mit dem Segelboot statt mit dem Auto.
Delfine auf dem Rückweg.
Ein Gewitter vor Cres.
Eine Entscheidung umzudrehen.
All diese Dinge waren für mich inzwischen real.
Das Problem war nur:
Für alle anderen waren es zunächst Bilder und Geschichten im Internet.
Ich postete.
Zeigte Fotos.
Erzählte von Törns.
Kündigte neue Fahrten an.
Und wartete.
Manchmal kam eine Reaktion.
Manchmal fast gar nichts.
In meiner Vorstellung hatte ich gedacht:
Wenn Menschen sehen, wie schön das ist, möchten sie mit.
So einfach funktionierte es natürlich nicht.
Warum sollte jemand, der mich überhaupt nicht kannte, eine Woche mit mir auf ein Segelboot steigen?
Ein Totenkopf als Logo war dafür kein besonders überzeugender Vertrauensnachweis.
Eigentlich war die Zurückhaltung vollkommen verständlich.
Ich musste erst lernen, dass Begeisterung nicht automatisch übertragbar ist.
Ich konnte hundertmal wissen, warum mir diese Törns so viel bedeuteten.
Ein anderer Mensch musste trotzdem erst einen Grund haben, mir zu vertrauen.
Bis dahin waren meine Crews vor allem aus meinem eigenen Umfeld gekommen.
Familie.
Freunde.
Arbeitskollegen.
Freunde von Freunden.
Das ist etwas völlig anderes.
Wenn jemand dich seit Jahren kennt und du sagst:
„Komm, wir fahren eine Woche segeln“,
dann weiß diese Person zumindest ungefähr, auf wen sie sich einlässt.
Bei einem Fremden gibt es diese Grundlage nicht.
Der sieht einen Namen.
Pirats of Croatia.
Ein paar Fotos.
Vielleicht Beiträge auf Facebook.
Und einen Martin, den er noch nie persönlich getroffen hat.
Irgendwann kamen trotzdem die ersten Anfragen.
Menschen meldeten sich, die ich vorher nicht kannte.
Das war für mich ein wichtiger Schritt.
Denn plötzlich ging es nicht mehr nur darum, ob ich genügend Freunde für einen Törn zusammenbekam.
Jetzt kamen Menschen wegen Pirats.
Damit änderte sich auch meine Verantwortung.
Beim ersten Törn mit Teilnehmern, die ich vorher nicht persönlich kannte, passierte keine große Katastrophe.
Zum Glück.
Es gibt keine dramatische Geschichte, die ich künstlich zum Höhepunkt machen müsste.
Es war einfach ein guter Törn.
Und genau deshalb war er wichtig.
Menschen kamen an Bord, die sich zum Teil vorher ebenfalls nicht kannten.
Wir segelten.
Wir kochten.
Wir saßen zusammen.
Wir redeten.
Wir lachten.
Nach einigen Tagen waren aus einzelnen Teilnehmern eine Crew geworden.
Damit wusste ich:
Es funktioniert auch außerhalb meines eigenen Freundeskreises.
Pirats konnte mehr sein als:
Martin fährt mit seinen Leuten segeln.
Der Name begann ein eigenes Leben zu bekommen.
Ein Segelboot ist ein ziemlich besonderer Ort, um Menschen kennenzulernen.
An Land kann man sich aus dem Weg gehen.
Im Hotel schließt jeder irgendwann seine Zimmertür.
Auf einem Boot funktioniert das nur begrenzt.
Man schläft wenige Meter voneinander entfernt.
Man kocht gemeinsam.
Man räumt gemeinsam auf.
Man wartet gemeinsam auf Wind.
Oder darauf, dass der Wind weniger wird.
Man merkt schnell, wer morgens zuerst einen Kaffee braucht, bevor ein vernünftiges Gespräch möglich ist.
Wer automatisch mithilft.
Wer fragt:
„Was kann ich machen?“
Und wer erstaunlich zuverlässig genau in dem Moment etwas anderes zu tun hat, wenn Geschirr gespült werden müsste.
Man sieht auch, wie Menschen reagieren, wenn etwas nicht nach Plan läuft.
Der gewünschte Hafen ist voll.
Das Wetter passt nicht.
Die Strecke dauert länger.
Jemand wird seekrank.
Oder der Skipper sagt:
„Nein. Heute fahren wir da nicht hin.“
Auf einem Boot lernt man sich schnell kennen.
Nicht vollständig.
Aber ehrlich genug.
Das gilt übrigens auch für den Skipper.
Ich musste mit der Zeit verstehen, dass ein Boot zu führen und eine Crew zu führen zwei verschiedene Dinge sind.
Ein Boot reagiert zumindest einigermaßen berechenbar.
Auf Ruder.
Gas.
Segel.
Wind.
Menschen sind komplizierter.
Manche wollen möglichst viel lernen.
Sie stehen beim Manöver schon bereit, bevor ich überhaupt etwas sagen muss.
Andere möchten in erster Linie Urlaub machen.
Auch das ist völlig in Ordnung.
Manche brauchen eine klare Aufgabe.
Andere möchten zuerst verstehen, warum wir etwas auf eine bestimmte Weise machen.
Und manchmal gibt es einen, der beim Anlegen plötzlich selbst Kommandos verteilt, obwohl gerade nur eines gebraucht wird.
Dann muss ich klar werden.
Ich wollte nie der Skipper sein, der seine Autorität dadurch beweist, dass er permanent herumbrüllt.
Das hat mit guter Führung für mich nichts zu tun.
Aber es gibt Momente, in denen Diskussionen warten müssen.
Beim Ablegen.
Beim Anlegen.
In einer schwierigen Situation.
Dann muss ein Kommando eindeutig sein.
Wer macht was?
Jetzt.
Danach kann wieder geredet und gelacht werden.
Diese Balance musste ich lernen.
Und jeder neue Törn brachte eine neue Crew.
Natürlich hatten die Menschen an Bord auch eigene Vorstellungen davon, wie ihre Woche aussehen sollte.
Der eine wollte möglichst viel segeln.
Ein anderer lieber schwimmen.
Manche mochten Städte und Häfen.
Andere wären am liebsten sieben Tage nur in Buchten gelegen.
Jemand wollte jeden Abend in eine Konoba.
Der Nächste fragte schon morgens:
„Müssen wir heute überhaupt weiter?“
Ich fand das gut.
Ein Törn sollte für mich nie bedeuten:
Der Skipper hat einen fertigen Stundenplan und alle anderen haben ihn abzuarbeiten.
Wir konnten Wünsche besprechen.
Wo wollt ihr hin?
Was interessiert euch?
Mehr segeln?
Mehr Buchten?
Ein Ort?
Ein bestimmtes Restaurant?
Dann kam meine Aufgabe.
Passt das zum Wetter?
Passt es zur Zeit?
Zum Boot?
Zur Crew?
Ist es sicher?
Daraus entstand die tatsächliche Route.
Nur bei einem Punkt gab es keine Abstimmung.
Sicherheit.
Wenn ich dort Nein sagte, blieb es bei Nein.
Nicht weil ich mich wichtigmachen wollte.
Sondern weil am Ende jemand die Verantwortung übernehmen muss.
Ich konnte später nicht sagen:
Die Mehrheit wollte aber weiterfahren.
Das Gewitter vor Cres hatte mir genau das deutlich gemacht.
Ein Plan ist kein Versprechen.
Und Umdrehen ist kein Versagen.
Mit jedem Törn bekam ich mehr Routine.
Boot übernehmen.
Technik kontrollieren.
Sicherheitsausrüstung.
Crew einweisen.
Lebensmittel verstauen.
Wetter prüfen.
Route vorbereiten.
Ablegen.
Viele Abläufe wurden vertrauter.
Aber ich wollte nicht, dass Routine zu Nachlässigkeit wurde.
Auf dem Meer kann etwas zehnmal problemlos funktionieren.
Beim elften Mal tut es das vielleicht nicht.
Deshalb blieb die Vorbereitung wichtig.
Genauso wie die Crew.
Denn ein gutes Manöver hängt nicht nur davon ab, ob ich am Steuer weiß, was ich tue.
Es hängt auch davon ab, ob die Menschen an den Leinen wissen, was ich von ihnen brauche.
Das hatte ich spätestens beim Anlegen im schlechten Wetter in Cres erlebt.
Dort hatte eine Crew funktioniert.
Nicht weil jeder alles selbst entscheiden wollte.
Sondern weil jeder seine Aufgabe gemacht hatte.
Solche Erlebnisse blieben hängen.
Trotzdem wollte ich aus Pirats keine steife Veranstaltung machen.
Die Verantwortung musste stimmen.
Der Rest durfte leicht sein.
Bier nach dem Anlegen.
Nudeln an Bord.
Musik.
Blöde Sprüche.
Ein Sprung ins Wasser.
Delfine neben dem Boot und plötzlich rennt jeder mit dem Handy an Deck.
Abends zusammensitzen.
Manchmal eine Konoba.
Manchmal einfach nichts.
Diese Mischung gefiel mir.
Gut vorbereitet sein, ohne dass sich ein Törn wie eine Schulung anfühlt.
Freiheit, ohne leichtsinnig zu werden.
Es kamen weitere Fahrten.
Nicht jede davon braucht ein eigenes Kapitel.
Manche Wochen waren einfach schön.
Und das reicht.
Wir fuhren wieder nach Novalja.
Lagen in Buchten.
Gingen essen.
Feierten auch einmal einen Geburtstag an Bord.
Menschen kamen mit.
Manche kannte ich vorher.
Andere nicht.
Einige sah ich später wieder.
Andere nur diese eine Woche.
Mit jedem Törn entstanden neue Geschichten.
Und langsam verstand ich, dass genau darin ein großer Teil von Pirats lag.
Nicht nur in den Booten.
Nicht in einem Logo.
Nicht in einer bestimmten Route.
In den Menschen.
Jemand kommt als Fremder an Bord.
Nach ein paar Tagen kennt man seine Sprüche.
Weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.
Was ihn nervös macht.
Worüber er lacht.
Und irgendwann steht man gemeinsam an einer Leine oder sitzt abends im Cockpit, als wäre es vollkommen normal, dass genau diese Gruppe hier zusammengekommen ist.
Eine Woche später fährt jeder wieder nach Hause.
Aber etwas bleibt.
Eine Geschichte.
Ein Foto.
Ein Lied.
Ein Satz.
Manchmal Kontakt.
Manchmal nur eine Erinnerung.
Pirats war damit endgültig größer geworden als mein eigener Freundeskreis.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl:
Aus meiner Begeisterung war tatsächlich etwas Eigenes entstanden.