Teil IV – Zwischen Lift und Meer

Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt

Während ich im April 2026 noch darüber nachdachte, wie ich mehr Zeit am Meer verbringen könnte, kam eine Nachricht.

„Du Martin, ich möchte mit dir gerne einen Segeltörn machen.“

Solche Anfragen kannte ich inzwischen.

Also antwortete ich sinngemäß:

Natürlich.

Sag mir, wann du Zeit hast, dann organisiere ich ein Boot.

Die Antwort kam ziemlich direkt.

„Nein Martin, Boot brauchst du keines organisieren. Ich habe eines.“

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Der Mann hieß Andi.

Und sein Boot Lady Cordula.

Dann bekam ich Fotos.

Eine Bavaria C46.

Brandneu.

Groß.

Modern.

Ich sah mir die Bilder an und dachte:

Alter Schwede.

Bis dahin hatte ich für meine Törns Charterboote gesucht.

Welches Boot ist verfügbar?

Welche Marina?

Wie viele Kabinen?

Welcher Preis?

Welche Ausstattung?

Jeder Törn begann ein Stück weit von vorne.

Jetzt meldete sich plötzlich ein Bootseigner bei mir und sagte im Grunde:

Ich habe das Boot schon.

Lass uns segeln.

Das war eine völlig andere Ausgangslage.

Wir telefonierten.

Schrieben.

Redeten über Segeln, Boote und Pirats.

Andi wollte selbst noch dazulernen.

Ich wiederum wusste, dass ein eigenes Boot etwas anderes ist als eine Charteryacht, die man für eine Woche übernimmt.

Ein Eigner kennt sein Boot.

Seine Eigenheiten.

Seine Technik.

Die Dinge, bei denen man sofort hört:

Das klingt anders als sonst.

Ich hatte dafür Erfahrung mit unterschiedlichen Charterbooten, Crews und Situationen gesammelt.

Je länger wir miteinander redeten, desto mehr hatte ich das Gefühl:

Das könnte passen.

Irgendwann stand fest, dass wir gemeinsam fahren würden.

Im Mai 2026.

Start in Trget.

Mit Lady Cordula.

Als ich dort vor ihr stand, war die Nervosität sofort wieder da.

Nicht so wie beim ersten Chartertörn in Marina Veruda.

Damals hatte ich mich gefragt, ob ich dieses große Boot überhaupt vernünftig aus dem Liegeplatz bekomme.

Inzwischen hatte ich viele Törns hinter mir.

Ich konnte manövrieren.

Ich kannte Crews.

Ich hatte schlechtes Wetter erlebt.

Instrumentenausfälle.

Planänderungen.

Trotzdem pochte mir das Herz.

„Boah, Alter Schwede.“

Lady Cordula war neu.

Groß.

Und vor allem:

Sie gehörte dem Mann, der neben mir stand.

Das macht einen Unterschied.

Bei einem Charterboot weißt du natürlich auch, dass es nicht dir gehört.

Aber der Besitzer steht normalerweise nicht daneben und sieht zu, wie du sein neues Boot zum ersten Mal übernimmst.

Zum Glück war Andi mir von Anfang an sympathisch.

Es entstand nicht dieses unangenehme Gefühl von:

Hier der Besitzer.

Dort der Skipper.

Wir redeten miteinander.

Schauten uns das Boot an.

Gingen Systeme durch.

Er zeigte mir Lady Cordula aus seiner Sicht.

Ich brachte meine Erfahrungen aus den bisherigen Törns ein.

Das gefiel mir.

Ich halte wenig von der Vorstellung, dass jemand irgendwann beim Segeln nichts mehr lernen müsste.

Ein neues Boot ist ein neues Boot.

Wie reagiert es?

Wie verhält es sich unter Motor?

Wie unter Segeln?

Was macht es bei Seitenwind?

Wie läuft es rückwärts?

Wo ist was verstaut?

Welche Abläufe funktionieren an Bord?

Das lernt man nicht vollständig aus technischen Daten.

Man muss mit einem Boot raus.

Und genau darin lag für mich das Spannende.

Bis dahin hatte ich mich bei einem Charterboot innerhalb weniger Tage auf dessen Eigenheiten einstellen müssen.

Am Ende der Woche gab ich es zurück.

Beim nächsten Mal begann vieles erneut.

Lady Cordula eröffnete eine andere Möglichkeit.

Ein Boot öfter fahren.

Es wirklich kennenlernen.

Nicht nur wissen:

Wo ist der Hauptschalter?

Sondern irgendwann auch:

So reagiert sie.

So fühlt sie sich an.

Dieses Geräusch ist normal.

Das hier nicht.

Für einen Skipper ist solche Vertrautheit viel wert.

Aber an diesem ersten Tag war davon natürlich noch keine Rede.

Da stand zunächst einfach ein neues Boot vor mir.

Und ich wollte wissen, wie es segelt.

Für Pirats war die Begegnung ebenfalls interessant.

Ich hatte gerade viel Geld und Energie in die Homepage gesteckt.

Ich versuchte, sichtbarer zu werden.

Crews zu finden.

Das Projekt Schritt für Schritt professioneller aufzubauen.

Und dann entstand diese Verbindung nicht durch Werbung.

Nicht über einen Charteranbieter.

Nicht durch eine Bewerbung.

Andi kam auf mich zu.

Genau deshalb blieb mir später der Gedanke:

Manchmal kommt das Glück auf einen zu.

Das klingt vielleicht etwas groß für eine Nachricht über einen Segeltörn.

Aber rückblickend war sie wichtig.

Denn Lady Cordula sollte nicht einfach irgendein weiteres Boot werden, das ich einmal für eine Woche fuhr.

Zwischen Andi und mir entwickelte sich daraus eine Zusammenarbeit.

Wie genau, das wussten wir an diesem ersten Tag selbst noch nicht.

Zuerst mussten wir überhaupt miteinander segeln.

Ich ging an Bord.

Crew.

Gepäck.

Lebensmittel.

Vorbereitung.

Wie immer.

Und trotzdem fühlte es sich anders an.

Neue Yacht.

Neuer Eigner.

Neue Möglichkeit.

Vor uns lag eine Woche auf der Adria.

Keine Ahnung, ob Andi nach diesem Törn sagen würde:

Passt.

Machen wir weiter.

Oder ob es bei dieser einen gemeinsamen Woche bleiben würde.

Das konnte niemand vorher wissen.

Also machten wir das, was auf einem Segelboot irgendwann jede Theorie beendet.

Wir legten ab.

Alle Teile und Kapitel
  1. Prolog – Ich bin noch unterwegs
  2. Teil I – Bevor das Meer zurückkam
  3. Kapitel 1 – Das will ich auch machen
  4. Kapitel 2 – Wieder auftauchen
  5. Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot
  6. Kapitel 3 – Leinen los
  7. Kapitel 4 – Aus einem Törn wird Pirats
  8. Teil III – Menschen an Bord
  9. Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen
  10. Kapitel 6 – Nicole kommt mit
  11. Teil IV – Zwischen Lift und Meer
  12. Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings
  13. Kapitel 8 – Da gehöre ich hin
  14. Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt
  15. Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula
  16. Teil V – Der eigene Weg
  17. Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien
  18. Kapitel 12 – Pirats ist nicht nur ein Name
  19. Kapitel 13 – Nicht alles muss sofort Sinn ergeben
  20. Kapitel 14 – Der Traum von der Welt
  21. Kapitel 15 – Noch unterwegs
  22. Epilog – Noch nicht angekommen
  23. Über Martin Singer
  24. Pirats of Croatia
  25. Bildnachweise
  26. Impressum / Versionsangabe