Teil V – Der eigene Weg
Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien
Nach einem Törn kommt irgendwann der Moment, an dem man wieder nach Hause fährt.
Das Boot bleibt zurück.
Taschen kommen ins Auto.
Die Straße führt nach Norden.
Und irgendwann tauchen wieder die Berge auf.
Tirol.
Zuhause.
Ich kenne beide Gefühle inzwischen gut. Die Vorfreude auf Kroatien. Und dieses merkwürdige Zurückkommen, wenn eine Woche auf dem Meer vorbei ist. Manchmal dauert es ein oder zwei Tage, bis der Kopf ebenfalls wieder angekommen ist.
Auf dem Boot besteht das Leben aus ziemlich unmittelbaren Dingen.
Wetter.
Wind.
Route.
Essen.
Anlegen.
Ablegen.
Wo fahren wir hin?
Wo schlafen wir?
Dann ist man wieder zuhause und plötzlich stehen andere Dinge vor einem.
Arbeit.
Termine.
Rechnungen.
Alltag.
Das eine ist nicht echter als das andere. Es fühlt sich nur anders an.
Lange hätte ich wahrscheinlich gesagt:
In Kroatien bin ich frei.
In Tirol muss ich arbeiten.
Heute wäre mir das zu einfach.
Tirol war nie nur das, wovon ich wegwollte.
Hier bin ich aufgewachsen.
Hier habe ich gearbeitet.
Hier leben Menschen, die zu meiner Geschichte gehören.
Und hier begann ausgerechnet auch das Segeln.
Am Achensee.
Nicht an der Adria.
Nicht irgendwo unter Palmen.
Mit einem Spaziergang und einem Satz:
„Das will ich auch machen.“
Mein Weg zum Meer begann nicht mit einer Flucht aus Tirol.
Er begann mitten darin.
Trotzdem zieht mich Kroatien an.
Das Meer.
Die Küste.
Die Inseln.
Das Unterwegssein mit dem Boot.
Dieses Gefühl, morgens noch nicht genau zu wissen, in welcher Bucht der Tag enden wird.
Ich mag auch die Verantwortung, die dazugehört. Das klingt vielleicht zunächst wie ein Widerspruch. Freiheit und Verantwortung werden gerne als Gegensätze behandelt. Beim Segeln gehören sie für mich zusammen.
Ich kann entscheiden, wohin wir fahren. Aber ich muss auch entscheiden, wann wir nicht fahren. Ich kann eine Route planen. Aber ich muss sie ändern, wenn Wetter, Boot oder Crew etwas anderes verlangen. Ich kann Freiheit genießen. Aber nicht auf Kosten der Sicherheit anderer.
Vor Cres habe ich gelernt, dass Umdrehen keine Niederlage sein muss. Mit Nicole habe ich erlebt, dass eine Planänderung zu einem Ort führen kann, den man sonst nie gesehen hätte.
Freiheit heißt für mich deshalb immer weniger:
Ich mache, was ich will.
Eher:
Ich darf meinen Kurs wählen.
Und ich trage die Verantwortung dafür.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb die Frage nach Tirol und Kroatien so sehr.
Es geht nicht nur um zwei Orte. Es geht um zwei Seiten meines Lebens.
In Tirol habe ich Struktur.
Arbeit.
Geschichte.
Menschen.
Dinge, die mich halten.
In Kroatien spüre ich stärker dieses Ziehen nach vorne.
Was kommt hinter der nächsten Insel?
Welche Crew kommt als Nächstes?
Wie weit kann Pirats gehen?
Muss ich mich irgendwann für eines entscheiden?
Vielleicht.
Vielleicht auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Und ich möchte nicht so tun, als müsste ein Buch diese Frage beantworten, nur weil irgendwann eine letzte Seite kommt. Vielleicht gibt es zwischen Bleiben und Gehen mehr Möglichkeiten, als man zunächst denkt. Vielleicht suche ich genau dort meinen Weg.