Teil IV – Zwischen Lift und Meer

Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula

Am 16. Mai 2026 legten wir in Trget ab.

Lady Cordula.

Andi.

Die Crew.

Und ich als Skipper auf einem Boot, das ich bis dahin nur aus Gesprächen, Bildern und der Vorbereitung kannte.

Jetzt begann der Teil, bei dem sich zeigen musste, wie wir miteinander funktionierten.

Nicht irgendwann.

Sondern draußen.

Wir machten am ersten Tag bewusst keine große Strecke.

Gut zwei Seemeilen.

Mehr brauchte es nicht.

Nach Anreise, Vorbereitung, Einräumen und allem, was vor einem Törn dazugehört, wollte ich nicht am ersten Abend noch unbedingt möglichst viele Meilen sammeln.

Zuerst einmal raus aus Trget.

Das Boot kennenlernen.

Die Crew ankommen lassen.

Ein Gefühl dafür bekommen, wie Lady Cordula reagierte.

Wir suchten uns eine Bucht an der Ostküste von Cres.

Ankern.

Motor aus.

Für den ersten Tag reichte das vollkommen.

Das Wetter war nicht besonders einladend.

Es regnete.

Aber das war mir ziemlich egal.

Wir waren da.

Jana und Dragan machten Nudeln mit Fleischsoße.

Ich war inzwischen beinahe vierundzwanzig Stunden auf den Beinen.

Irgendwann war einfach Schluss.

Ich verschwand in meiner Koje.

Am nächsten Morgen war ich um 6:39 Uhr wieder wach.

Die anderen schliefen noch.

Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich hinaus.

Leichter Wind.

Das Wasser.

Ruhe.

Keine große Szene.

Und gerade deshalb ist dieser Morgen später zum Anfang dieses Buches geworden.

Ich musste nichts organisieren.

Noch keine Leine anfassen.

Niemand wollte etwas von mir.

Für ein paar Minuten saß ich einfach nur da.

Kaffee in der Hand.

Lady Cordula unter mir.

Eine Bucht vor Cres vor mir.

Mehr brauchte ich nicht.

Dann kam langsam wieder der Skipper in mir zum Vorschein.

Wetter anschauen.

Bedingungen prüfen.

Was machen wir heute?

Wo fahren wir hin?

Ein Törn beginnt jeden Morgen ein bisschen neu.

Natürlich hatten wir Vorstellungen von der Route.

Aber ich hatte inzwischen oft genug erlebt, dass ein Plan auf dem Meer genau das bleibt:

ein Plan.

Kein Vertrag.

Wir mussten nicht jeden Ort erreichen, nur weil er irgendwann auf einer Liste gestanden hatte.

Also besprachen wir, was für den Tag sinnvoll war.

Dann ging es weiter.

Und jetzt konnte ich Lady Cordula richtig kennenlernen.

Nicht am Steg.

Unterwegs.

Unter Segeln.

Wie reagiert sie?

Wie läuft sie?

Was braucht sie?

Was fühlt sich anders an als bei den Booten, die ich bisher gefahren war?

Andi kannte Lady Cordula als Eigner.

Ich musste sie als Skipper kennenlernen.

Das sind zwei unterschiedliche Blickwinkel.

Und genau deshalb funktionierte unser Austausch gut.

Wir redeten miteinander.

Probierten.

Beobachteten.

Keiner musste dem anderen beweisen, dass er alles besser wusste.

Das gefiel mir.

Am Abend des 17. Mai kamen Delfine.

Solche Begegnungen nutzen sich für mich nicht ab.

Es ist egal, wie oft ich sie vorher schon gesehen habe.

Irgendjemand entdeckt den ersten.

Dann schaut plötzlich jeder aufs Wasser.

Ein Rücken.

Eine Flosse.

Das kräftige Ausatmen an der Oberfläche.

Wieder verschwunden.

Dann tauchen sie an einer anderen Stelle auf.

In solchen Momenten ist die Crew sofort dieselbe.

Alle schauen.

Alle suchen.

Natürlich werden Handys herausgeholt.

Und natürlich taucht der Delfin meistens genau dort auf, wo gerade niemand filmt.

Vielleicht ist das auch gut so.

Nicht alles muss perfekt auf einem Display landen.

Manche Bilder dürfen einfach im Kopf bleiben.

Das Wasser war klar.

Fische waren zu sehen.

Später wurde an Bord gegessen.

Ein Abend ohne große Dramatik.

Aber einer von denen, für die man überhaupt hinausfährt.

Während dieser Tage lernte ich nicht nur Lady Cordula besser kennen.

Andi und ich lernten auch, wie wir miteinander arbeiteten.

Das ist auf einem Boot ziemlich schnell festzustellen.

Man kann vorher stundenlang telefonieren.

Über Segeln reden.

Über Vorstellungen.

Über Zusammenarbeit.

Auf See zeigt sich, wie jemand tatsächlich reagiert.

Wenn ein Manöver ansteht.

Wenn etwas anders läuft als gedacht.

Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.

Ich hatte das Gefühl, dass es zwischen uns funktionierte.

Andi sah wiederum, wie ich mit seinem Boot umging.

Das war mir wichtig.

Lady Cordula war nicht irgendeine Charteryacht, die am Samstag wieder an eine Basis zurückging.

Sie war sein Boot.

Und entsprechend wollte ich damit umgehen.

Nicht ängstlich.

Ein Segelboot ist zum Segeln da.

Aber respektvoll.

Ordentlich.

So, wie ich es selbst erwarten würde, wenn ich einem anderen Menschen mein eigenes Boot überließe.

Im Laufe der Woche kam das Gespräch wieder auf Pirats und auf die Zukunft.

Andi sagte zu mir:

„Du, Martin, ich wäre sowieso an einer Zusammenarbeit mit dir interessiert.“

Das war der Satz, der aus diesem gemeinsamen Törn mehr machte als nur eine Woche auf seinem Boot.

Natürlich bedeutete das nicht, dass in diesem Moment bereits jedes Detail geklärt war.

Aber die Richtung war da.

Wir sprachen darüber, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte.

Für meine Törns Lady Cordula nutzen.

Das Boot besser kennenlernen.

Kontinuität schaffen.

Für mich war das eine völlig neue Situation.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich im Internet Charterboote gesucht.

Jetzt saß ich mit einem Eigner auf seinem Boot und wir redeten darüber, künftig zusammenzuarbeiten.

Manchmal verändert sich eine Situation schneller, als man selbst hinterherkommt.

Die Tage gingen weiter.

Segeln.

Motor.

Buchten.

Anlegen.

Ablegen.

Kochen.

Schwimmen.

Reden.

Der normale Rhythmus eines Törns.

Am 20. Mai kamen wir nach Novalja.

Dieser Ort hatte inzwischen mehrere Versionen von mir erlebt.

Den Martin vom ersten Urlaub.

Ferienwohnung.

Zrće.

Party.

Dann den Martin, der ein Jahr später tatsächlich mit einem Segelboot dort ankam und zu seinen Leuten sagte:

„Ich habe es euch gesagt.“

Und jetzt kam ich mit Lady Cordula.

Novalja war nicht mehr das große Ziel einer Reise.

Es war eine Station.

Das allein zeigte mir, wie sehr sich mein Verhältnis zu Kroatien verändert hatte.

Wir lagen direkt am Pier.

Neben uns ein anderes Boot.

Irgendwann kamen wir mit den Leuten dort ins Gespräch.

Die übliche Frage:

Woher kommt ihr?

Tirol.

Gut.

Wo aus Tirol?

Telfs.

Ich musste lachen.

Da fährt man mit einem Segelboot durch Kroatien und landet in Novalja neben Leuten aus Tirol.

Ausgerechnet aus Telfs.

Die Welt ist manchmal erstaunlich klein.

Aus einem kurzen Gespräch wurde ein längerer Abend.

Bier.

Reden.

Lachen.

Andi und ich gingen irgendwann eine Piña Colada trinken.

Später essen.

Die Crew beschäftigte sich ebenfalls mit dem wichtigen Thema Abendessen.

Es war einer dieser Abende, bei denen sich nichts Spektakuläres ereignet und trotzdem niemand früh ins Bett will.

Novalja.

Warme Luft.

Boot am Pier.

Menschen.

Genau richtig.

Am nächsten Tag wurde es länger.

Der 21. Mai brachte nach meinen Aufzeichnungen ungefähr 35,5 Seemeilen.

Mehr als zehn Stunden waren wir insgesamt unterwegs.

An solchen Tagen bekommt man ein anderes Gefühl für Entfernung.

Auf einer Karte sehen 35 Seemeilen nicht nach besonders viel aus.

Auf dem Wasser ist es ein ganzer Tag.

Wind beobachten.

Kurs.

Segel.

Verkehr.

Crew.

Dann wieder eine Änderung.

Ein Stopp.

Weiter.

Wir kamen nach Ilovik.

Andi und ich aßen Tintenfischsalat.

Andere aus der Crew nutzten die Pause zum Schwimmen oder einfach zum Ausruhen.

Dann ging es wieder los.

Unser Tagesziel lag noch vor uns.

Uvala Maracol auf Unije.

Am Abend nahmen wir dort eine Boje.

Nach einem langen Tag gibt es ein Geräusch, das ich besonders mag.

Der Motor geht aus.

Plötzlich ist Ruhe.

Die Leinen sind fest.

Das Boot liegt.

Für heute müssen wir nirgendwo mehr hin.

Es gab Pasta.

Wir saßen noch zusammen.

Aber bei mir war die Energie irgendwann aufgebraucht.

35,5 Seemeilen und mehr als zehn Stunden unterwegs waren genug.

Ich ging schlafen.

Kein großes Nachtleben.

Kein Abenteuer.

Einfach müde.

Auch das gehört zum Segeln.

Der 22. Mai war unser Rückfahrttag nach Trget.

Am Morgen beobachteten wir zunächst die Bedingungen und die Entwicklung der Bora.

Wir hatten Zeit.

Also warteten wir.

Nicht fahren, nur weil man früh fertig ist.

Erst schauen.

Dann entscheiden.

Gegen Mittag ging es los.

Jetzt bekam Lady Cordula noch einmal Wind.

In meinen Aufzeichnungen stehen ungefähr elf bis zwölf Knoten Grundwind und Böen bis etwa sechsundzwanzig Knoten.

Sie lief gut.

Sehr gut.

Genau für solche Momente war sie gebaut.

Segel.

Wind.

Das Boot arbeitet.

Und wieder dieses Gefühl:

So soll es sein.

Nur hält Wind sich nicht an unsere Wünsche.

Nach ungefähr drei Stunden wurde es ruhiger.

Also Motor an.

Ich nenne ihn manchmal die eiserne Genua.

Wenn der Wind keine Lust mehr hat, übernimmt eben der Diesel.

Auch das gehört zum Segeln.

Auf den schönen Bildern sieht man meistens weiße Segel vor blauem Himmel.

Auf echten Törns läuft zwischendurch ein Motor.

Manchmal länger, als einem lieb ist.

Wenn man zurück nach Trget muss und der Wind weg ist, kann man entweder sehr geduldig werden.

Oder den Schlüssel drehen.

Wir drehten den Schlüssel.

Unterwegs entdeckten wir eine Meeresschildkröte an der Oberfläche.

Sie tauchte nicht ab.

Zumindest nicht, solange wir sie beobachteten.

Uns kam ihr Verhalten ungewöhnlich vor.

Was genau mit ihr war, konnten wir nicht feststellen.

Vielleicht war alles in Ordnung.

Vielleicht auch nicht.

Wir versuchten, das Aquarium in Pula telefonisch zu erreichen.

Keine Antwort.

Also gaben wir die Position schriftlich weiter.

Mehr konnten wir in diesem Moment nicht tun.

Das ist mir bei solchen Geschichten wichtig.

Wir haben keine Schildkröte gerettet.

Wir wissen nicht einmal sicher, ob sie Hilfe gebraucht hätte.

Wir haben etwas gesehen, das uns ungewöhnlich vorkam.

Wir haben hingeschaut.

Und wir haben versucht, die Information weiterzugeben.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Irgendwann kam Trget wieder in Sicht.

Der Kreis schloss sich.

Eine Woche zuvor waren wir dort abgelegt.

Lady Cordula war für mich ein neues Boot gewesen.

Andi ein Mensch, mit dem ich zum ersten Mal gemeinsam segelte.

Jetzt kamen wir zurück.

Mit gemeinsam gefahrenen Meilen.

Mit Erlebnissen.

Mit Gesprächen.

Und mit einer Idee, wie es weitergehen könnte.

Wir machten Lady Cordula fest.

Leinen.

Motor aus.

Sicher.

Dann begann das übliche Ende eines Törns.

Wasser auffüllen.

Das Boot mit Süßwasser abspülen.

Aufräumen.

Gepäck zusammenpacken.

Dinge suchen, von denen jeder überzeugt ist, dass er sie ganz sicher genau dort hingelegt hat.

Noch einmal essen.

An diesem Abend wieder Nudeln mit Fleischsoße.

Fast wie am Anfang.

Meine Aufzeichnungen zeigen für diese Woche insgesamt 128,4 Seemeilen und etwas mehr als 43 Stunden Fahrtzeit.

Zahlen sind gut für ein Logbuch.

Sie helfen später, eine Reise einzuordnen.

Aber sie erklären nicht, warum eine Woche hängen bleibt.

128,4 Seemeilen sagen nichts über einen Kaffee um 6:39 Uhr in einer Bucht aus.

Nichts über Delfine.

Nichts über einen Abend in Novalja neben Menschen aus Telfs.

Nichts über Müdigkeit nach einem langen Tag.

Nichts über eine Schildkröte an der Oberfläche.

Und nichts darüber, wie sich ein Boot nach einer Woche plötzlich weniger fremd anfühlt.

Dafür braucht es Erinnerungen.

Lady Cordula gehörte weiterhin Andi.

Das war klar.

Aber für Pirats hatte sich in dieser Woche eine neue Möglichkeit geöffnet.

Nicht mehr jedes Mal irgendein neues Charterboot suchen.

Nicht jedes Mal bei null anfangen.

Ein Boot häufiger fahren.

Es kennenlernen.

Abläufe entwickeln.

Und mit einem Eigner zusammenarbeiten, mit dem ich mich verstand.

Für meine künftigen Törns sollte ich Lady Cordula von Andi chartern.

Damit war sie nicht mein Boot.

Aber sie wurde ein wichtiger Teil von Pirats.

Das war ein Unterschied.

Ein großer sogar.

Als ich nach diesem Törn wieder nach Tirol fuhr, war nicht plötzlich mein ganzes Leben geklärt.

Ich hatte meinen Arbeitsplatz noch.

Meine Fragen ebenfalls.

Pirats war nicht über Nacht zu einem riesigen Unternehmen geworden.

Und die Weltumsegelung war noch immer nur ein Gedanke irgendwo weit draußen.

Aber etwas hatte sich bewegt.

Im April hatte ich am Lift gesagt:

„Ich arbeite daran.“

Wenige Wochen später war ich mit Lady Cordula unterwegs gewesen und aus einer zufälligen Nachricht war eine Zusammenarbeit entstanden.

Manchmal arbeitet man lange an einer Tür.

Und manchmal geht plötzlich eine andere auf, von der man vorher gar nicht wusste, dass sie da ist.

Mehr musste ich aus dieser Woche noch nicht machen.

Sie war erst der Anfang.

Alle Teile und Kapitel
  1. Prolog – Ich bin noch unterwegs
  2. Teil I – Bevor das Meer zurückkam
  3. Kapitel 1 – Das will ich auch machen
  4. Kapitel 2 – Wieder auftauchen
  5. Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot
  6. Kapitel 3 – Leinen los
  7. Kapitel 4 – Aus einem Törn wird Pirats
  8. Teil III – Menschen an Bord
  9. Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen
  10. Kapitel 6 – Nicole kommt mit
  11. Teil IV – Zwischen Lift und Meer
  12. Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings
  13. Kapitel 8 – Da gehöre ich hin
  14. Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt
  15. Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula
  16. Teil V – Der eigene Weg
  17. Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien
  18. Kapitel 12 – Pirats ist nicht nur ein Name
  19. Kapitel 13 – Nicht alles muss sofort Sinn ergeben
  20. Kapitel 14 – Der Traum von der Welt
  21. Kapitel 15 – Noch unterwegs
  22. Epilog – Noch nicht angekommen
  23. Über Martin Singer
  24. Pirats of Croatia
  25. Bildnachweise
  26. Impressum / Versionsangabe