Teil IV – Zwischen Lift und Meer
Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings

Am 18. Februar 2026 kam ein Paket an.
Darin lag etwas, über das ich vorher erstaunlich lange nachgedacht hatte.
Eine Leggings.
Nicht irgendeine.
Eine eigens gestaltete Pirats-Leggings.
Die Idee dahinter war zunächst ziemlich praktisch. Auf einem Boot ist Platz begrenzt. Kleidung sollte bequem sein, wenig Raum brauchen und möglichst schnell trocknen. Gleichzeitig wollte ich für Pirats etwas Eigenes.
Etwas, das auffiel.
Also begann ich zu gestalten.
Logo.
Position.
Farben.
Glanz.
Matt oder glänzend?
Wie groß soll das Pirats-Logo sein?
Wie wirkt das Ganze, wenn man es tatsächlich trägt?
Ich beschäftigte mich damit länger, als man für eine einzelne Hose vermutlich für vernünftig halten würde. Als sie schließlich ankam, war ich begeistert. Die Qualität passte. Die Optik auch. Genau so hatte ich sie mir vorgestellt.
Eigentlich hätte die Sache damit erledigt sein können.
War sie aber nicht.
Denn jetzt musste ich sie nur noch anziehen.
Plötzlich war da diese Frage:
Was sollen die Leute denken?
Der Martin mit seiner eigenen Pirats-Leggings.
Will der jetzt Influencer werden?
Oder noch einfacher:
Warum trägt ein Mann eine Leggings?
Ich fand die Situation selbst ein bisschen absurd.
Ich konnte eine Crew auf ein Segelboot mitnehmen.
In einer engen Marina manövrieren.
Bei schlechtem Wetter Entscheidungen treffen.
Verantwortung übernehmen.
Aber eine Hose brachte mich ins Grübeln.
Das musste man auch erst einmal schaffen.
Das Problem war nicht, dass mir die Leggings nicht gefiel. Im Gegenteil. Ich hatte sie selbst gestaltet. Ich wollte sie. Nur die Vorstellung, was andere darüber denken könnten, war plötzlich erstaunlich laut.
„Denn welcher Mann trägt Leggings?“
Genau diese Frage ging mir durch den Kopf.
Und irgendwann begann sie mich eher zu ärgern.
Eines Morgens musste ich früh zur Arbeit.
Ich zog die Leggings an und stellte mich vor den Spiegel.
Noch einmal anschauen.
Es fühlte sich ungewohnt an.
Mehr eigentlich nicht.
Nicht falsch.
Nicht lächerlich.
Nur ungewohnt.
Ich dachte:
Eigentlich schaut das gut aus.
Kein großer Befreiungsmoment.
Keine Musik im Hintergrund.
Kein Satz für ein Motivationsvideo.
Nur ich vor dem Spiegel mit meiner eigenen Pirats-Leggings.
Und die Feststellung:
Eigentlich passt sie.
Damit war meine Unsicherheit nicht sofort weg.
Ich trug sie nicht plötzlich jeden Tag.
Manchmal zog ich sie an.
Manchmal ließ ich es.
Irgendwann nahm ich sie auch mit nach Kroatien.
Und selbst dort kam die Frage noch:
Was denken die anderen?
Mit der Zeit wurde sie unwichtiger.
Ich sah Männer beim Laufen in Leggings.
Beim Training.
Beim Radfahren.
Mit Shorts.
Ohne Shorts.
Die Welt schien daran nicht unterzugehen.
Also blieb irgendwann eine wesentlich einfachere Frage:
Wenn sie mir gefällt und ich sie gerne trage – warum sollte ich es nicht machen?
Darauf hatte ich keine besonders überzeugende Gegenantwort.
Irgendwann dachte ich:
„Hey, scheiß dich was.“
Das war vermutlich die ehrlichste Formulierung.
Wer gibt eigentlich vor, was ich anzuziehen habe?
Natürlich gibt es Situationen, in denen Kleidung nicht nur Geschmackssache ist.
Arbeit.
Sicherheit.
Wetter.
Auf einem Boot sowieso.
Wenn etwas unpraktisch oder gefährlich wäre, hätte sich die Diskussion erledigt. Aber darum ging es hier nicht.
Die Leggings war bequem.
Sie brauchte kaum Platz.
Sie trocknete schnell.
Und ich mochte sie.
Damit waren die wichtigen Fragen eigentlich beantwortet.
Ursprünglich war die Pirats-Leggings vor allem Teil des Auftritts.
Wiedererkennung.
Etwas Ungewöhnliches für Pirats.
Ich hatte sie nicht bestellt, um daraus ein großes Statement zu machen. Und das möchte ich auch heute nicht hineininterpretieren. Es war eine Hose.
Aber eine Hose, bei der ich bemerkte, wie viel Macht eine völlig diffuse Frage haben kann:
Was denken die Leute?
Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger reichte mir das als Grund, etwas nicht zu tun. Mit der Zeit kamen weitere Pirats-Kleidungsstücke dazu.
Shirts.
Polos.
Sportshirts.
Ein Hoodie.
Eine ärmellose Jacke mit Logo.
Pirats bekam auch optisch immer mehr eine eigene Identität.
Die Leggings blieb für mich trotzdem besonders.
Nicht weil sie wichtiger gewesen wäre.
Sondern weil ich bei ihr zuerst selbst gezögert hatte.
Ich hatte etwas ausprobiert.
Es gefiel mir.
Also blieb es.
Mehr musste daraus gar nicht werden.
Ein paar Wochen später beschäftigten mich ohnehin wesentlich größere Fragen.
Pirats sollte wachsen.
Die Homepage kostete Geld.
Törns mussten gefüllt werden.
Menschen sagten zu.
Andere wieder ab.
Und im April stand ich bei der Liftrevision im Regen und fragte mich, wie viel Zeit ich noch damit verbringen wollte, vom Meer zu reden, statt mehr davon tatsächlich zu leben.
Die Pirats-Leggings war inzwischen da.
Die größere Frage war noch offen.
Wie bekomme ich Pirats und Kroatien zu einem größeren Teil meines Lebens?
Darauf gab es keine so einfache Antwort wie morgens vor dem Spiegel.
Aber ich arbeitete daran.