Teil V – Der eigene Weg
Kapitel 15 – Noch unterwegs
Wenn ich an den Anfang zurückdenke, sehe ich wieder den Achensee.
Segelboote auf dem Wasser.
Meine damalige Frau neben mir.
Und mich mit diesem Satz:
„Das will ich auch machen.“
Mehr war es nicht.
Kein Lebensplan.
Kein Pirats.
Kein Kroatien.
Keine Lady Cordula.
Nur ein Gedanke.
Ich möchte segeln.
Später verschwand das Segeln fast vollständig aus meinem Leben.
Andere Dinge wurden wichtiger.
Arbeit.
Familie.
Dann Tauchen.
Musik.
Kitesurfen.
Eine Scheidung, nach der ich überhaupt erst wieder herausfinden musste, wie es weitergeht.
Und irgendwann Kroatien.
Ein Küstenpatent, das während eines Urlaubs plötzlich eine gute Idee gewesen war.
Dann wieder ein Satz:
„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“
Und diesmal tat ich es.
Vielleicht ist genau das der Teil meiner Geschichte, den ich selbst am interessantesten finde.
Nicht, dass alles funktioniert hat.
Das hat es nicht.
Nicht, dass ich immer wusste, was richtig war.
Wusste ich ebenfalls nicht.
Sondern dass manche Dinge zurückkommen.
Eine Idee verschwindet.
Jahre später steht sie wieder vor einem.
Etwas, das früher nur ein Versuch war, wird plötzlich wichtig.
Manchmal erkennt man einen roten Faden erst, wenn man längst ein gutes Stück daran entlanggegangen ist.
Am 17. Mai 2026 saß ich um 6:39 Uhr mit einem Kaffee auf Lady Cordula.
Die anderen schliefen noch.
Vor mir eine Bucht.
Hinter mir viele Jahre, die anders verlaufen waren, als ich sie als junger Mann hätte planen können.
Ich dachte nicht:
Jetzt habe ich es geschafft.
So fühlte es sich nicht an.
Eher:
Schau, wo du gelandet bist.
Das war etwas anderes.
Ich war Bäcker.
Liftbediensteter.
Lkw-Fahrer.
Mischmeister.
DJ.
Ich tauchte.
Ich kitesurfte.
Ich lernte segeln, ließ es wieder aus meinem Leben verschwinden und fand Jahre später genau dorthin zurück.
Und irgendwann stand ich als Skipper auf einem Segelboot in Kroatien.
Heute ist das einfach meine Geschichte.
Keine besonders gerade.
Aber meine.
Pirats gehört inzwischen dazu.
Nicht als Endpunkt.
Nicht als Beweis, dass jetzt alles gefunden wäre.
Es ist das, woran ich gerade arbeite.
Etwas, das größer geworden ist, weil ich ihm Zeit gegeben habe.
Vielleicht wird es noch viel größer.
Vielleicht verändert es sich.
Ich weiß es nicht.
Aber ich möchte sehen, was daraus wird.
Auch die Frage nach Freiheit ist für mich nicht abgeschlossen.
Vielleicht wird sie das nie.
Freiheit war einmal der Führerschein.
Dann die Straße.
Später Musik.
Wasser.
Kroatien.
Ein Boot.
Heute bedeutet sie für mich weniger, keine Verpflichtungen zu haben.
Eher, Entscheidungen bewusst zu treffen.
Nicht jede Erwartung automatisch zu übernehmen.
Nicht nur dort zu bleiben, wo etwas sicher ist, wenn einen etwas anderes seit Jahren nicht loslässt.
Aber auch nicht blind alles hinzuwerfen, nur weil ein Traum schöner klingt als ein Montagmorgen.
Freiheit ohne Verantwortung interessiert mich immer weniger.
Vielleicht ist genau das etwas, das mir das Segeln beigebracht hat.
Ich weiß nicht, ob mein Weg irgendwann nach Kroatien führt.
Oder immer zwischen Tirol und dem Meer hin und her.
Ich weiß nicht, ob ich eines Tages um die Welt segle.
Wie Pirats in einigen Jahren aussieht.
Welche Menschen noch an Bord kommen.
Welche Häfen.
Welche Buchten.
Welche Umwege.
Ich könnte für einen schönen Buchschluss so tun, als wüsste ich es.
Aber das wäre nicht meine Geschichte.
Meine Geschichte war selten schön gerade.
Warum sollte sie ausgerechnet auf den letzten Seiten damit anfangen?
Am Achensee wusste ich nicht, wohin mich das Segeln einmal bringen würde.
Heute weiß ich genauso wenig, wohin es mich noch bringt.
Der Unterschied ist:
Damals stand ich am Ufer und schaute den Booten zu.
Heute bin ich selbst draußen.
Der Kurs ist nicht fertig.
Die Geschichte auch nicht.
Ich bin noch unterwegs.