Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot

Kapitel 3 – Leinen los

Kaum war ich wieder in Tirol, begann ich zu suchen.

Charterboote.

Preise.

Marinas.

Versicherungen.

Ausrüstung.

Plötzlich merkte ich, wie groß der Unterschied zwischen einem Satz im Urlaub und einem echten Segeltörn war.

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Das war schnell gesagt.

Jetzt brauchte ich tatsächlich eines.

Dazu eine Crew.

Dokumente.

Crewliste.

Versicherung.

Anreise.

Lebensmittel.

Und ungefähr hundert kleine Entscheidungen, an die man vorher nicht denkt.

Wer schläft wo?

Was ist bereits an Bord?

Was müssen wir selbst mitnehmen?

Wie läuft die Übergabe?

Was braucht man eine Woche lang wirklich?

Und was nimmt man garantiert mit, nur um es sieben Tage später unbenutzt wieder nach Hause zu tragen?

Je konkreter die Reise wurde, desto deutlicher kam noch eine andere Frage dazu.

Bin ich wirklich bereit, dafür die Verantwortung zu übernehmen?

Ich hatte Segelerfahrung vom Achensee.

Ich hatte jetzt das Küstenpatent.

Aber ein Schein macht aus einem Menschen nicht automatisch einen erfahrenen Skipper.

Das wusste ich.

Trotzdem wollte ich fahren.

Also organisierte ich weiter.

Nach meinen damaligen Aufzeichnungen war unser erstes Charterboot eine Bavaria 42.

Für mich fühlte sie sich jedenfalls groß an.

Sehr groß.

Und ich sollte sie fahren.

Zur Crew gehörten Familienmitglieder, Freunde und Bekannte.

Je näher die Abreise kam, desto mehr nahm die Sache Gestalt an.

Lebensmittel.

Gepäck.

Bettzeug.

Kochsachen.

Unterlagen.

Versicherung.

Immer wieder fiel mir noch etwas ein.

Heute läuft so eine Vorbereitung wesentlich routinierter.

Damals war vieles Premiere.

Irgendwann war trotzdem alles so weit.

Wir fuhren nach Kroatien.

Nach Pula.

Zur Marina Veruda.

Und plötzlich stand ich dort zwischen all den Yachten und dachte:

Jetzt wird es ernst.

Wir kamen am Vormittag an.

Das Boot konnten wir erst später übernehmen.

Also warteten wir.

Schon eine Marina war für mich damals eine eigene Welt.

Menschen schoben Einkaufswagen über die Stege.

Andere trugen Taschen von Bord.

Motoren liefen.

Leinen wurden geworfen.

Masten bewegten sich im Wind.

Crews standen vor ihren Yachten und versuchten herauszufinden, wohin mit all dem Zeug, das sie für eine Woche mitgebracht hatten.

Andere wirkten, als hätten sie das schon hundertmal gemacht.

Ich eindeutig nicht.

Dann ging es ins Charterbüro.

Dokumente.

Formalitäten.

Unterschriften.

Schließlich die Bootsübergabe.

Ein Mitarbeiter führte uns durch die Yacht.

Toiletten.

Wassertanks.

Elektrik.

Motor.

Rettungswesten.

Sicherheitsausrüstung.

Instrumente.

Ventile.

Systeme.

Wo ist was?

Wie funktioniert was?

Was muss man beachten?

Ich versuchte, mir möglichst viel zu merken.

Denn irgendwann ging dieser Mitarbeiter vom Boot.

Und dann waren wir dran.

Wir räumten ein.

Taschen.

Getränke.

Lebensmittel.

Persönliche Sachen.

Auf einem Segelboot lernt man ziemlich schnell, warum „Das legen wir einmal hier hin“ keine besonders gute Dauerlösung ist.

Sobald sich das Boot bewegt, bewegen sich sonst auch Dinge, die eigentlich nicht dafür gedacht waren.

Irgendwann war alles halbwegs verstaut.

Dann kam der Moment, vor dem ich den größten Respekt hatte.

Ablegen.

Die Boote lagen eng.

Neben uns andere Yachten.

Leinen.

Mooring.

Steg.

Wenig Platz.

Ich erklärte der Crew noch einmal, wer welche Aufgabe hatte.

Wer nimmt welche Leine?

Wann wird sie gelöst?

Wann noch nicht?

Und vor allem:

Niemand macht plötzlich irgendetwas, nur weil er glaubt, gerade eine besonders gute Idee zu haben.

Motor an.

Ich stand am Steuer.

Jetzt war die Nervosität da.

Nicht panisch.

Aber deutlich.

Ein Küstenpatent hilft einem in diesem Moment vor allem insofern, als man weiß, was man tun sollte.

Tun muss man es trotzdem selbst.

Ich gab die Kommandos.

Die Leinen wurden gelöst.

Langsam bewegte sich das Boot aus dem Liegeplatz.

Ich dachte nicht an Novalja.

Nicht an Medulin.

Nicht an die ganze Woche.

Nur an die nächsten Meter.

Abstand.

Wind.

Andere Boote.

Wie reagiert die Yacht?

Langsam.

Kontrolliert.

Erst aus dem Liegeplatz.

Dann aus der Marina.

Und irgendwann lag Veruda hinter uns.

Vor uns wurde das Wasser offen.

Die Anspannung veränderte sich.

Wir waren draußen.

Jetzt kam der Moment, wegen dem ich überhaupt hier war.

„Und jetzt setzen wir die Segel.“

Die Segel gingen hoch.

Wir stellten sie ein.

Dann schaltete ich den Motor aus.

Plötzlich war dieses gleichmäßige Brummen weg.

Nur noch Wind.

Wasser.

Das Boot.

Und irgendwo in meinem Kopf war wieder der Achensee.

„Das will ich auch machen.“

Jetzt machte ich es.

Nicht auf einem Tiroler See.

Auf der Adria.

Mit einer Crew.

Und mit einem Boot, für das ich verantwortlich war.

Was daraus später einmal entstehen würde, wusste ich nicht.

In diesem Moment war es auch völlig egal.

Wir segelten.

Unser erstes Ziel war Medulin.

Keine riesige Etappe.

Das war gut so.

Am ersten Tag musste niemand beweisen, wie weit wir fahren konnten.

Die Crew sollte sich an das Boot gewöhnen.

Und ich ebenfalls.

Wie reagiert diese Yacht?

Wie fühlt sie sich unter Motor an?

Wie unter Segeln?

Was passiert bei einem Manöver?

Man kann ein Boot bei der Übergabe erklärt bekommen.

Kennenlernen muss man es trotzdem draußen.

In Medulin kam gleich die nächste Premiere.

Ankern.

In der Theorie klingt das angenehm einfach.

Geeigneten Platz suchen.

Anker runter.

Kette geben.

Prüfen.

Fertig.

Nur möchte man anschließend auch wirklich wissen, ob dieses „fertig“ stimmt.

Wir suchten unseren Platz.

Wassertiefe.

Abstand zum Land.

Abstand zu anderen Booten.

Wind.

Dann Anker runter.

Kette raus.

Langsam rückwärts Zug aufbauen.

Prüfen.

Ich war nicht zufrieden.

Also wieder hoch.

Noch einmal.

Neuer Versuch.

Anker runter.

Kette.

Prüfen.

Irgendwann hielt er so, dass ich zufrieden war.

Motor aus.

Da lagen wir.

Unsere erste Nacht vor Anker.

Auf dem Meer.

Eigentlich hätte jetzt der entspannte Teil beginnen können.

Eigentlich.

Wir waren müde.

Fahrt nach Kroatien.

Bootsübernahme.

Einräumen.

Ablegen.

Erste Etappe.

Ankern.

Irgendwann gingen alle schlafen.

Ich auch.

Nur schlief ich nicht besonders ruhig.

Immer wieder kam dieselbe Frage.

Hält der Anker?

Ich stand auf.

Schaute hinaus.

Wo ist die Küste?

Hat sich unsere Position verändert?

Alles gut.

Wieder hinlegen.

Eine Weile schlafen.

Dann wieder:

Hält er wirklich?

Mein Neffe stand in dieser Nacht ebenfalls mit mir auf.

Wir kontrollierten gemeinsam unsere Position und orientierten uns an der Umgebung.

Der Anker hielt.

Ich musste nur noch lernen, ihm auch zu vertrauen.

Das dauerte bei mir offenbar etwas länger.

Am nächsten Morgen sah die Sache schon wieder anders aus.

Frühstück.

Schwimmen.

Wasser.

Der erste Tag lag hinter uns.

Vor uns der Süden.

Und irgendwann Novalja.

Dorthin wollte ich.

Nicht nur, weil ich den Ort kannte.

Sondern wegen eines Satzes.

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Jetzt waren wir tatsächlich unterwegs.

Wir fuhren weiter Richtung Mali Lošinj.

Der Wind hielt sich dabei nicht an unsere Wunschvorstellungen.

Manchmal konnten wir segeln.

Manchmal musste der Motor laufen.

Auch das war eine frühe Lektion.

Segeln bedeutet nicht automatisch, sieben Tage mit perfekten Bedingungen über die Adria zu gleiten.

Manchmal ist kein Wind.

Dann ist kein Wind.

Manchmal ändert sich der Plan.

Und manchmal dauert eine Strecke länger, als man am Morgen gedacht hat.

Der Tag wurde später.

Bis Novalja weiterzufahren wäre nicht sinnvoll gewesen.

Also suchte ich nach einer Bucht.

Karte.

Küste.

Wind.

Wetter.

Wo können wir vernünftig liegen?

Schließlich fanden wir einen Platz.

Wir fuhren hinein.

Anker runter.

Prüfen.

Motor aus.

Und dann war plötzlich Ruhe.

Wir waren allein in dieser Bucht.

Keine Marina.

Kein Steg.

Kein Lokal neben uns.

Keine anderen Boote direkt daneben.

Nur unsere Yacht.

Meer.

Und langsam Abend.

Dann kam der Sonnenuntergang.

Natürlich hatte ich schon vorher Sonnenuntergänge gesehen.

Auch schöne.

Aber dieser blieb.

Vielleicht, weil wir allein in dieser Bucht lagen.

Vielleicht, weil alles noch neu war.

Vielleicht, weil ich in diesem Moment zum ersten Mal richtig begriff:

Wir sind selbst hierhergefahren.

Niemand hat uns mit einem Ausflugsboot abgesetzt.

Kein Hoteltransfer.

Keine organisierte Tour.

Wir hatten entschieden, wohin wir fahren.

Wir hatten die Bucht gesucht.

Wir hatten den Anker gesetzt.

Und jetzt saßen wir hier.

Musik.

Getränke.

Meer.

Die Sonne ging unter.

Welche Farben der Himmel genau hatte, weiß ich heute nicht mehr.

Das will ich auch nicht nachträglich erfinden.

Aber ich weiß noch, wie sich dieser Abend angefühlt hat.

Das reicht mir.

Am nächsten Morgen schwammen wir zum Strand.

Lagen eine Weile dort.

Dann ging es weiter.

Über Ilovik.

Richtung Novalja.

Die Überfahrt verlief ruhig.

Ein Stück unter Segeln.

Ein Stück unter Motor.

Keine große Dramatik.

Und trotzdem wurde ich nervöser, je näher wir kamen.

Nicht wegen des Wetters.

Nicht wegen des Bootes.

Wegen dieses verdammten Satzes vom Vorjahr.

Damals waren wir mit dem Auto nach Novalja gefahren.

Ferienwohnung.

Zrće.

Partyurlaub.

Und ich hatte groß angekündigt:

„Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Jetzt lag Novalja vor uns.

Ich versuchte, den Hafen über Funk zu erreichen.

Keine Antwort.

Noch einmal.

Nichts.

Also fuhren wir vorsichtig hinein.

Nach meiner Erinnerung konnte man damals noch direkt im Hafenbereich ankern.

Wir suchten einen geeigneten Platz.

Anker runter.

Prüfen.

Hält.

Motor aus.

Ich schaute zu den anderen.

Jetzt war der Moment da.

„Jungs, jetzt sind wir da. Ich habe es euch gesagt, dieses Jahr kommen wir mit dem Segelboot.“

Wir machten ein Bier auf.

Und ich war stolz.

Nicht weil wir einen Ozean überquert hatten.

Novalja ist nicht das Ende der Welt.

Aber ich hatte etwas angekündigt.

Und ich hatte es durchgezogen.

Aus einem Satz war eine Reise geworden.

Natürlich gehörte zu Novalja damals noch etwas anderes.

Zrće.

Der Partystrand war einer der Gründe gewesen, warum wir überhaupt zum ersten Mal dort Urlaub gemacht hatten.

Die Jüngeren aus der Crew wollten hin.

Kein Problem.

Ich brachte sie mit dem Dinghy an Land.

Von dort konnten sie mit dem Bus weiterfahren.

Dann fuhr ich zurück zum Boot.

Ich machte es mir bequem.

Handy dabei.

Ruhe.

Ich rechnete mit einer langen Nacht.

Zrće.

Junge Leute.

Party.

Die sehe ich wahrscheinlich erst irgendwann sehr spät wieder.

So war zumindest meine Vorstellung.

Nach meinem Gefühl waren ungefähr drei Stunden vergangen, als das Telefon klingelte.

„Du Martin, kannst du uns wieder abholen?“

Ich dachte zuerst:

Jetzt schon?

Ich fuhr mit dem Dinghy zurück und holte sie.

Natürlich wollte ich wissen, was los war.

War die Party schlecht?

War nichts los?

Nein.

Zrće fanden sie schon cool.

Sie hatten es gesehen.

Aber die ruhige Bucht vom Tag davor?

Die fanden sie besser.

Sie wollten zurück aufs Boot.

Schlafen.

Und am nächsten Tag lieber wieder eine geile Bucht suchen.

Ich musste lachen.

Ein Jahr zuvor war Zrće ein Ziel gewesen.

Jetzt waren wir mit einem Segelboot gekommen.

Und plötzlich verlor der Partystrand gegen eine stille Bucht.

Damit hatte ich nicht gerechnet.

Aber vielleicht war genau das einer dieser kleinen Momente, in denen sich etwas verändert.

Kroatien war für mich nicht mehr nur Novalja.

Nicht nur Party.

Es wurde Küste.

Inseln.

Buchten.

Ankern.

Segeln.

Unterwegs sein.

Am nächsten Tag ging der Anker wieder hoch.

Wir verließen Novalja.

Und die wichtigste Frage war plötzlich nicht mehr:

Wo ist die nächste Party?

Sondern:

Wo finden wir die nächste Bucht?

Alle Teile und Kapitel
  1. Prolog – Ich bin noch unterwegs
  2. Teil I – Bevor das Meer zurückkam
  3. Kapitel 1 – Das will ich auch machen
  4. Kapitel 2 – Wieder auftauchen
  5. Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot
  6. Kapitel 3 – Leinen los
  7. Kapitel 4 – Aus einem Törn wird Pirats
  8. Teil III – Menschen an Bord
  9. Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen
  10. Kapitel 6 – Nicole kommt mit
  11. Teil IV – Zwischen Lift und Meer
  12. Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings
  13. Kapitel 8 – Da gehöre ich hin
  14. Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt
  15. Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula
  16. Teil V – Der eigene Weg
  17. Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien
  18. Kapitel 12 – Pirats ist nicht nur ein Name
  19. Kapitel 13 – Nicht alles muss sofort Sinn ergeben
  20. Kapitel 14 – Der Traum von der Welt
  21. Kapitel 15 – Noch unterwegs
  22. Epilog – Noch nicht angekommen
  23. Über Martin Singer
  24. Pirats of Croatia
  25. Bildnachweise
  26. Impressum / Versionsangabe