PIRATS OF CROATIA
Prolog – Ich bin noch unterwegs
6:39 Uhr.
Ich bin wach. Die anderen schlafen noch.
Ich sitze mit meinem Kaffee auf Lady Cordula und schaue hinaus aufs Wasser.
Wir liegen in einer Bucht an der Ostküste von Cres.
Am Vortag waren wir in Trget gestartet. Nur eine kurze erste Etappe. Ankommen. Das Boot kennenlernen. Ankern. Essen.
Es hatte geregnet.
Jana und Dragan hatten Nudeln mit Fleischsoße gemacht. Ich war beinahe vierundzwanzig Stunden auf den Beinen gewesen und irgendwann einfach in meiner Koje verschwunden.
Jetzt ist es ruhig.
Leichter Wind.
Wasser.
Die Crew schläft.
Und ich habe meinen ersten Kaffee des Tages.
Eigentlich passiert überhaupt nichts.
Kein Sturm.
Kein schwieriges Manöver.
Keine Geschichte, bei der später jemand sagt:
„Weißt du noch?“
Vielleicht gefällt mir dieser Moment gerade deshalb.
Auf dem Meer müssen nicht ständig spektakuläre Dinge passieren.
Manchmal reicht es, früh aufzuwachen, einen Kaffee in der Hand zu haben und für ein paar Minuten nirgendwo anders sein zu wollen.
Ich sitze da und denke:
Genau so ist es gut.
Lady Cordula ist eine Bavaria C46.
Sie gehört Andi.
Noch einige Zeit vorher hatte ich keine Ahnung, dass ich einmal als Skipper auf diesem Boot sitzen würde.
Ich hatte Charterboote gesucht, Törns organisiert, Menschen mitgenommen und versucht, aus Pirats of Croatia Schritt für Schritt etwas aufzubauen.
Dann kam Andi.
Eine Nachricht.
Ein Boot.
Und plötzlich eine Möglichkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Jetzt sitze ich hier.
Auf seinem Boot.
Mit einer Crew.
In Kroatien.
Und wenn ich darüber nachdenke, wie ich hier gelandet bin, sehe ich keinen geraden Weg.
Das passt eigentlich ganz gut.
Denn gerade Wege waren nie meine Spezialität.
Am Anfang stand auch kein großer Lebensplan.
Nur ein See in Tirol.
Der Achensee.
Ich war dort mit meiner damaligen Frau spazieren.
Auf dem Wasser waren Segelboote.
Ich blieb stehen und sah hinaus.
Und irgendwann sagte ich:
„Das will ich auch machen.“
Mehr war es nicht.
Ich sah Segelboote.
Und wollte segeln.
Also lernte ich es.
Damals wusste ich nicht, dass das Segeln wieder aus meinem Alltag verschwinden würde. Ich wusste auch nicht, dass es Jahre später zurückkommen würde.
Ich wusste nichts von Kroatien.
Nichts von Charterbooten.
Nichts von Pirats.
Nichts von Lady Cordula.
Ich wusste nur:
Das will ich auch machen.
Viele Jahre später sitze ich mit diesem Kaffee in einer Bucht vor Cres.
Dazwischen liegt ein Leben, das ich damals nicht hätte planen können.
Berufe.
Familie.
Eine Scheidung.
Musik.
Tauchen.
Kitesurfen.
Straßen.
Wasser.
Menschen, die kamen.
Menschen, die wieder gingen.
Ideen, die verschwanden.
Und andere, die plötzlich zurückkamen.
Manche Entscheidungen waren gut. Andere würde ich heute vielleicht anders treffen. Und manches, das zunächst wie ein Umweg aussah, brachte mich Jahre später an einen Ort, an dem ich gerne war. Nur wusste ich das unterwegs nicht.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Auf einem Segelboot kann man eine Route planen.
Man schaut aufs Wetter.
Legt einen Kurs fest.
Wählt ein Ziel.
Und trotzdem kann ein paar Stunden später alles anders aussehen.
Der Wind ändert sich.
Das Wetter ändert sich.
Eine Crew wird müde.
Ein Hafen passt nicht.
Dann entscheidet man neu.
Manchmal fährt man weiter.
Manchmal ändert man den Kurs.
Und manchmal dreht man um.
Das Ziel verschwindet deshalb nicht automatisch.
Nur der Weg dorthin sieht anders aus.
Wenn ich heute auf mein Leben schaue, kommt mir das ziemlich bekannt vor.
Später an diesem Morgen werden die anderen aufstehen.
Wir werden das Wetter anschauen.
Überlegen, wohin wir fahren.
Segel setzen.
Oder den Motor starten.
Vielleicht ändern wir den Plan unterwegs.
Ich weiß es noch nicht.
Und erstaunlicherweise stört mich das nicht.
Ich weiß auch nicht genau, wie sich Pirats weiterentwickeln wird.
Wie viel Zeit ich eines Tages wirklich in Kroatien verbringen werde.
Welche Menschen noch an Bord kommen.
Welche Möglichkeiten entstehen.
Und welche wieder verschwinden.
Früher hätte mich dieses Nichtwissen wahrscheinlich mehr beschäftigt.
Heute reicht mir oft eine Richtung.
Man muss nicht schon jeden Hafen kennen.
Ich nehme einen Schluck Kaffee.
Vor mir liegt das Wasser.
Irgendwo weit hinter mir steht noch immer dieser junge Mann am Achensee und schaut Segelbooten zu.
„Das will ich auch machen.“
Ich habe es gemacht.
Und daraus wurde mehr, als ich damals hätte ahnen können.
Wie viel mehr noch daraus wird, weiß ich nicht.
Meine Geschichte ist nicht fertig.
Der Kurs ist nicht zu Ende.
Ich bin noch unterwegs.