Teil IV – Zwischen Lift und Meer

Kapitel 8 – Da gehöre ich hin

Im Frühjahr 2026 stand ich wieder dort, wo ich schon als junger Mann gearbeitet hatte.

Am Lift.

Damals hatte ich dort Geld verdient, weil ich meinen Führerschein und den Lkw-Schein machen wollte.

Ich wollte hinaus.

Unterwegs sein.

Die große Welt sehen.

Viele Jahre später stand ich wieder am Lift.

Nur bedeutete „hinaus“ für mich inzwischen etwas anderes.

Nicht mehr Straße.

Nicht mehr Lkw.

Ich dachte an Kroatien.

An das Meer.

An Segelboote.

An Pirats.

Und immer häufiger kam während der Arbeit dieselbe Frage:

„Martin, was machst du hier?“

Nicht weil die Arbeit schlecht gewesen wäre. Und auch nicht, weil Tirol plötzlich nichts mehr für mich bedeutete. Tirol war Heimat.

Dort war mein Alltag. Dort verdiente ich mein Geld. Aber ich wusste inzwischen auch, wie ich mich fühlte, wenn ich in Kroatien auf einem Boot stand. Und dieses Gefühl wurde schwerer zu ignorieren.

Pirats war zu diesem Zeitpunkt längst mehr als eine Idee nach einem Segeltörn.

Ich hatte Törns organisiert.

Menschen mitgenommen, die ich vorher nicht gekannt hatte.

Werbung gemacht.

Versicherungen abgeschlossen.

Geld investiert.

Vor allem aber Zeit.

Von außen konnte das vielleicht schon ziemlich professionell aussehen. Von innen fühlte es sich wesentlich weniger stabil an.

Ein Törn war voll.

Dann wieder nicht.

Menschen fragten an.

Andere sagten ab.

Man machte Werbung.

Wartete.

Bekam Hoffnung.

Dann änderte sich wieder etwas.

Am 11. April 2026 schrieb ich in mein Tagebuch:

„Immer dieses Auf und Ab.“

Der Mai-Törn war eigentlich voll gewesen. Dann sah es danach aus, als könnten Teilnehmer aus gesundheitlichen Gründen nicht mitkommen.

Plötzlich waren wieder Plätze offen.

Also begann das Ganze erneut.

Suchen.

Posten.

Nachfragen.

Hoffen.

Ich schrieb an diesem Tag noch einen Satz:

„Aufgeben ist für mich keine Option.“

Das klingt heute entschlossener, als ich mich in diesem Moment wahrscheinlich fühlte. Es war kein großer Motivationsspruch.

Eher Trotz.

Schwierig war nicht dasselbe wie vorbei.

Also machte ich weiter.

Drei Tage später, am 14. April, arbeitete ich bei der Liftrevision.

Regen.

Kälte.

Nass.

Kein besonders kompliziertes Bild, wenn man erklären möchte, warum Kroatien an so einem Tag attraktiv wirkt.

In einer Pause kamen wir ins Gespräch.

Über Geld.

Lebenshaltungskosten.

Zukunft.

Pension.

Über die Dinge, die irgendwann auftauchen, wenn man sich fragt, wie das eigene Leben in zehn oder zwanzig Jahren aussehen soll.

Ein Kollege erzählte von seinen Verpflichtungen.

Haus.

Familie.

Fixkosten.

Bei ihm könne man nicht einfach sagen:

Ich packe zusammen und bin weg.

Dann meinte er sinngemäß, dass meine Situation anders sei.

Wenn er meine Möglichkeiten hätte, wäre er wahrscheinlich längst gegangen.

Ich antwortete:

„Ich arbeite daran.“

Der Satz war draußen, bevor ich groß darüber nachgedacht hatte.

Aber er traf ziemlich genau, wo ich damals stand.

Ich war nicht weg.

Ich hatte keinen fertigen Plan.

Ich konnte nicht sagen:

An diesem Datum kündige ich, dann ziehe ich nach Kroatien und ab dort funktioniert alles.

So war es nicht.

Aber ich arbeitete daran.

Genau das war der Unterschied zu einem bloßen Traum.

Wenn ich wirklich mehr Zeit am Meer verbringen wollte, musste ich die weniger romantischen Fragen ebenfalls beantworten.

Wovon lebe ich?

Wie viele Törns braucht Pirats?

Was kostet ein Törn tatsächlich?

Wie viel bleibt danach übrig?

Welche Versicherungen brauche ich?

Welche Möglichkeiten gibt es, als Skipper zu arbeiten?

Kann ich mehr Zeit in Kroatien verbringen, ohne zuhause blind alles abzubrechen?

Ein Sonnenuntergang in einer Bucht beantwortet keine dieser Fragen. Eine schöne Idee auch nicht. Also begann ich zu rechnen, zu recherchieren und Möglichkeiten zu prüfen.

Ich informierte mich über Skipperjobs und darüber, welche Voraussetzungen verlangt wurden. Nicht weil ich sofort irgendwo anfangen wollte. Ich wollte wissen, welche Wege überhaupt existierten.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir:

Einfach kündigen und hoffen wäre zwar eine Entscheidung.

Aber nicht automatisch eine gute.

Ich wollte einen Weg.

Nicht nur einen Sprung.

Auch die Homepage gehörte dazu.

Ich wollte nicht, dass Pirats aussah wie irgendeine Facebook-Idee, die nächsten Monat wieder verschwunden sein konnte.

Also investierte ich Geld.

Nicht wenig.

Natürlich fragte ich mich:

Ist das richtig?

Lohnt sich das?

Meldet sich deshalb wirklich jemand?

Solche Fragen verschwinden nicht, nur weil man an etwas glaubt.

Trotzdem machte ich es.

Ich wollte echte Bilder.

Echte Törns.

Ein klares Auftreten.

Menschen sollten sehen:

Pirats ist nicht nur ein Name mit einem Totenkopf.

Da passiert wirklich etwas.

Und trotzdem stand ich weiterhin am Lift.

Genau dieser Gegensatz beschäftigte mich.

Auf der einen Seite Sicherheit.

Arbeit.

Ein Einkommen.

Auf der anderen Seite Pirats.

Kroatien.

Das Meer.

Eine Idee, von der ich nicht wusste, wie groß sie werden konnte.

Manchmal dachte ich:

„Versuch doch viel mehr unten in Kroatien Zeit zu verbringen, viel mehr Segeltörns zu machen. Denn das ist deine Welt, da gehörst du hin.“

Das war ehrlich.

Aber „Da gehöre ich hin“ bedeutete nicht automatisch:

Morgen muss ich dort leben.

Vielleicht musste ich genau das erst lernen.

Nicht jeder starke Wunsch braucht sofort eine radikale Entscheidung. Manche Dinge wachsen, weil man lange genug an ihnen arbeitet.

Der April 2026 war deshalb keine große Wende.

Ich kündigte nicht.

Ich packte nicht mein gesamtes Leben in ein Auto.

Ich fuhr nicht nach Kroatien und blieb einfach dort.

Ich ging weiter zur Arbeit.

Ich organisierte Pirats.

Ich versuchte, freie Plätze zu füllen.

Ich arbeitete an der Homepage.

Ich rechnete.

Plante.

Zweifelte.

Und machte weiter.

„Ich arbeite daran.“

Mehr konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.

Mehr musste ich vielleicht auch noch nicht sagen.

Denn während ich versuchte herauszufinden, wie ich selbst den nächsten Schritt machen könnte, kam plötzlich etwas auf mich zu, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Keine Werbung.

Keine Bewerbung.

Kein Charterportal.

Nur eine Nachricht.

Und ein Mann namens Andi.

Alle Teile und Kapitel
  1. Prolog – Ich bin noch unterwegs
  2. Teil I – Bevor das Meer zurückkam
  3. Kapitel 1 – Das will ich auch machen
  4. Kapitel 2 – Wieder auftauchen
  5. Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot
  6. Kapitel 3 – Leinen los
  7. Kapitel 4 – Aus einem Törn wird Pirats
  8. Teil III – Menschen an Bord
  9. Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen
  10. Kapitel 6 – Nicole kommt mit
  11. Teil IV – Zwischen Lift und Meer
  12. Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings
  13. Kapitel 8 – Da gehöre ich hin
  14. Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt
  15. Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula
  16. Teil V – Der eigene Weg
  17. Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien
  18. Kapitel 12 – Pirats ist nicht nur ein Name
  19. Kapitel 13 – Nicht alles muss sofort Sinn ergeben
  20. Kapitel 14 – Der Traum von der Welt
  21. Kapitel 15 – Noch unterwegs
  22. Epilog – Noch nicht angekommen
  23. Über Martin Singer
  24. Pirats of Croatia
  25. Bildnachweise
  26. Impressum / Versionsangabe