Teil I – Bevor das Meer zurückkam

Kapitel 2 – Wieder auftauchen

München.

Ein Seminar.

Anzug, Gespräche, Menschen in einem Raum – und mir war heiß.

Ich habe Anzüge nie besonders gerne getragen. An diesem Tag machte die Hitze die Sache nicht besser.

Irgendwann bemerkte ich einen Geruch.

Chlor.

Nicht stark.

Aber eindeutig.

Irgendwo in diesem Gebäude musste Wasser sein.

Und plötzlich interessierte mich das wesentlich mehr als das Seminar.

Also sagte ich:

„Ach, ich muss mal schnell auf die Toilette, ich komme dann wieder.“

Ich ging hinaus.

Nur nicht zur Toilette.

Ich folgte dem Chlorgeruch.

Eine Treppe führte nach unten.

Dort war eine kleine Bar.

Und dann sah ich diese riesigen Fenster.

Fast wie Bullaugen.

Dahinter: Wasser.

Ein Tauchbecken.

Menschen mit Tauchausrüstung schwebten darin.

Ich blieb stehen.

Oben saßen die anderen im Seminar.

Hier unten bewegten sich Menschen durch das Wasser.

Und ich stand noch immer im Anzug davor und dachte:

„Boah Alter, wäre das jetzt cool bei dieser Hitze raus aus dem Zeug und nur ins Wasser zu springen.“

Das Seminar hatte in diesem Moment ernsthafte Konkurrenz bekommen.

Jemand sprach mich an.

Wir kamen ins Gespräch.

Ich fragte, wie das mit dem Tauchen funktionierte, was man dafür brauchte und ob man es ausprobieren konnte.

Am Ende hatte ich einen Termin.

Eine Woche später war ich wieder in München.

Diesmal nicht wegen eines Seminars.

Ich machte meinen Tauchschein.

Das Tauchen faszinierte mich sofort.

Unter Wasser veränderte sich alles.

Geräusche wurden weniger.

Bewegungen langsamer.

Und plötzlich hörte ich meinen eigenen Atem so deutlich wie sonst kaum irgendwo.

Einatmen.

Ausatmen.

Blasen steigen nach oben.

Mehr braucht es manchmal nicht, damit der Rest der Welt für eine Weile weit weg ist.

Ich fuhr danach häufig nach München zum Indoor-Tauchen.

Manchmal ging es auch an den Starnberger See.

Mit der Zeit war ich gelegentlich auch mit Schnuppertauchern im Wasser.

Menschen, die zum ersten Mal wissen wollten, wie es sich anfühlt, unter Wasser durch einen Automaten zu atmen.

Ich mochte diese Zeit.

Nach dem Segeln am Achensee war wieder Wasser in meinem Leben.

Nur anders.

Beim Segeln war ich auf dem Wasser gewesen.

Jetzt war ich darunter.

Damals sah ich darin noch keinen Zusammenhang.

Es waren einfach Dinge, die mir Spaß machten.

Und wie schon beim Segeln passierte irgendwann dasselbe:

Es wurde weniger.

Nicht weil ich plötzlich keine Freude mehr daran hatte.

Das Leben war einfach voll.

Arbeit.

Familie.

Termine.

Irgendwann fuhr ich seltener nach München.

Die Tauchgänge wurden weniger.

Und auch das Tauchen rückte langsam in den Hintergrund.

Es gab keinen letzten Tauchgang, bei dem ich aus dem Wasser stieg und wusste:

Das war es.

Solche Dinge enden im wirklichen Leben oft unspektakulärer.

Man macht sie immer seltener.

Bis man irgendwann merkt, dass schon lange Zeit vergangen ist.

Währenddessen veränderte sich mein privates Leben.

Meine Frau und ich hatten uns über die Jahre immer weiter auseinandergelebt.

Das passierte nicht an einem einzigen Tag.

Zumindest nicht der Teil davor.

Es war Alltag.

Arbeit.

Unterschiedliche Interessen.

Dinge, über die man vielleicht nicht ausreichend spricht.

Wir gaben uns gegenseitig Freiheiten.

Sie ging donnerstags tanzen oder mit Freunden aus.

Ich ging ebenfalls aus.

Jeder hatte seinen Bereich.

Zu dieser Zeit arbeitete ich vorübergehend nicht mehr als Lkw-Fahrer, sondern als Mischmeister in einem Betonwerk.

Dort arbeitete auch ein Fahrer, den meine Frau über ihre Tanzabende kennengelernt hatte.

Mit der Zeit bekam ich das Gefühl, dass zwischen den beiden mehr war, als mir gesagt wurde. Was genau wann passierte, kann ich heute nicht für jede einzelne Situation belegen.

Aber ich wusste damals:

Etwas stimmt nicht.

Dann kam dieser Morgen.

Wir frühstückten.

Für mich war es zunächst ein normaler Tag.

Ich fuhr zur Arbeit.

Als ich später nach Hause kam, standen meine Koffer vor der Tür.

Innerhalb weniger Stunden war mein bisheriges Leben ein anderes geworden.

Nach meiner Erinnerung zog der neue Partner meiner Frau noch am selben Tag ein.

Ich selbst zog zurück zu meinen Eltern.

Wenn ich das heute so aufschreibe, klingt es beinahe wie eine Szene aus einem Film.

Morgens Frühstück.

Abends Koffer vor der Tür.

Schnitt.

Neues Leben.

Nur gibt es diesen Schnitt nicht, wenn man selbst darin steckt.

Du fährst nicht einfach in die nächste Szene.

Du bleibst erst einmal genau dort.

Mit Fragen.

Mit Wut.

Mit Enttäuschung.

Mit diesem Gefühl, dass dir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Ich verließ das Betonwerk.

Bei meiner früheren Lkw-Firma konnte ich sofort wieder anfangen.

Also saß ich wieder im Lkw.

Das war wenigstens eine Welt, die ich verstand.

Motor starten.

Losfahren.

Arbeiten.

Ein Ziel haben.

Ankommen.

Privat wusste ich wesentlich weniger genau, wo es hingehen sollte.

Die Scheidung wurde sehr konfliktreich.

In dieser Zeit wurden an meinem Lkw Reifen beschädigt und Scheiben eingeschlagen. Wer dafür verantwortlich war, kann ich nicht als Tatsache behaupten. Ich weiß nur, dass es passiert ist.

Und dass es in einer ohnehin belastenden Zeit nicht gerade dabei half, zur Ruhe zu kommen.

Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich für mich nur noch drei Möglichkeiten sah.

Die erste war die dunkelste.

„Entweder ich mache meinem Dasein Schluss.“

Die zweite:

Ich beginne zu trinken.

Und die dritte:

Ich gehe unter Menschen und versuche, wieder Spaß am Leben zu haben.

Heute schreibe ich diese Sätze mit vielen Jahren Abstand.

Damals war dieser Abstand nicht da.

Der Gedanke, mein Leben zu beenden, war keine große dramatische Geste. Er zeigte nur, wie aussichtslos sich meine Situation in diesem Moment für mich anfühlte.

Ich entschied mich für die dritte Möglichkeit.

Raus.

Unter Menschen.

Nicht alleine zuhause sitzen und immer wieder dieselben Gedanken drehen.

Ich wollte wieder etwas erleben.

Vielleicht war es keine besonders durchdachte Entscheidung.

Aber sie war wichtig.

Denn sie führte mich zur Musik.

Musik hatte mich schon lange begeistert.

Ein Lied kann einen Raum innerhalb weniger Sekunden verändern.

Menschen, die eben noch miteinander reden, stehen plötzlich auf der Tanzfläche.

Andere singen mit.

Ein Titel erinnert jemanden an einen bestimmten Sommer.

Ein anderer funktioniert an diesem Abend überhaupt nicht, obwohl man sicher war, dass er funktionieren müsste.

Als ich damals häufiger ausging, kam ich mit einem DJ ins Gespräch.

Irgendwann meinte er zu mir:

Warum probierst du es nicht selbst?

Auflegen.

Ich?

Warum eigentlich nicht?

Gerade hatte ein neues Lokal eröffnet.

Ich stellte mich dort vor.

Und bekam die Möglichkeit, es auszuprobieren.

Natürlich war ich am Anfang neu.

Ich musste lernen.

Nicht nur Technik.

Menschen.

Welche Musik funktioniert gerade?

Wann lässt man einen Titel laufen?

Wann wechselt man?

Wann kippt die Stimmung?

Wann braucht der Raum Energie?

Und wann ist es besser, nicht zu viel zu machen?

Ein DJ kann den ganzen Abend auf sein Mischpult starren.

Dann übersieht er allerdings das Wichtigste.

Die Tanzfläche.

Dort siehst du, ob du die Menschen erreichst.

Du merkst, wenn du sie verlierst.

Und du lernst mit der Zeit, einen Raum zu lesen.

Genau das faszinierte mich.

Ich versuchte damals auch, über eine Agentur an weitere Aufträge zu kommen.

Dort sagte man mir zunächst sinngemäß:

Du bist noch neu.

Das stimmte.

Also machte ich weiter.

Ich legte im Lokal auf.

Sammelte Erfahrung.

Die Leute kamen.

Sie tanzten.

Mit der Zeit wurde ich dort bekannter.

Und irgendwann meldete sich genau diese Agentur wieder bei mir.

Jetzt hätten sie Interesse gehabt.

Diesmal sagte ich ab.

Ich hatte meinen Platz gefunden.

Das Lokal passte zu mir.

Ich hatte mein Publikum.

Warum sollte ich weg?

Aus einem Versuch war etwas geworden, das mich viele Jahre begleiten sollte.

Auf der einen Seite mein Beruf.

Lkw.

Auf der anderen Seite Musik.

DJ.

Zwei völlig unterschiedliche Welten.

Und trotzdem passten beide zu mir.

Ich war unterwegs.

Nur auf unterschiedliche Weise.

Beim Lkw bewegte ich mich über Straßen.

Beim Auflegen bewegte sich ein ganzer Raum.

Vor allem aber gab mir die Musik in dieser Phase wieder etwas, das ich dringend gebraucht hatte.

Menschen.

Energie.

Abende, auf die ich mich freuen konnte.

Das Gefühl, dass mein Leben nicht nur aus dem bestand, was gerade auseinandergebrochen war.

Und dann kam noch etwas dazu.

Mein Cousin.

„Martin, jetzt komm mal raus, ich nehme dich mal mit zum Kitesurfen.“

Ich war nicht sofort Feuer und Flamme.

Er musste mich ein bisschen überreden.

Aber irgendwann ging ich mit.

Und da war es wieder.

Wasser.

Diesmal weder unter einem Segelboot noch über meinem Kopf beim Tauchen.

Diesmal hing ich an einem Kite.

Wind.

Board.

Wasser.

Und am Anfang natürlich die Erkenntnis, dass etwas, das bei anderen leicht aussieht, nicht automatisch leicht ist.

Wie kontrolliere ich den Kite?

Wie reagiert er?

Was passiert bei mehr Wind?

Wie komme ich überhaupt aufs Board?

Ich machte einen Kurs.

Dann begann ich regelmäßig zu fahren.

Oft nach Italien.

Wochenenden.

Camping.

Kitesurfen.

Spaß.

Wenn ich nicht als DJ arbeitete, war ich häufig irgendwo unterwegs.

Diese Zeit tat mir gut.

Nicht in dem Sinn, dass plötzlich alles vergessen oder erledigt gewesen wäre.

So funktioniert das nicht.

Aber mein Leben bestand wieder aus mehr als der Vergangenheit.

Ich hatte Dinge vor.

Ich traf Menschen.

Ich fuhr weg.

Ich hatte wieder etwas, auf das ich mich freute.

Musik.

Wasser.

Bewegung.

Nach vorne.

Vielleicht war genau das damals das Wichtigste.

Irgendwann kam ein Arbeitskollege mit einer Idee.

Urlaub.

Wir sollten gemeinsam wegfahren.

Zunächst stand Bulgarien im Raum.

Dann wurde daraus Kroatien.

Novalja.

Zrće.

Party.

Wir fanden noch zwei Kollegen.

Damit waren wir zu viert.

Eine Woche Ferienwohnung.

Meer.

Sommer.

Ein ganz normaler Urlaub unter Arbeitskollegen.

Zumindest war das der Plan.

Denn kaum war Kroatien beschlossen, kam mir ein anderer Gedanke.

Wenn du schon am Meer bist, warum gehst du nicht segeln?

Der Achensee lag lange zurück.

Aber offenbar war das Segeln nie vollständig verschwunden.

Es hatte nur irgendwo gewartet.

Also begann ich zu recherchieren.

Ich hatte Segelerfahrung.

Aber ein Tiroler See und die kroatische Küste sind nicht dasselbe.

Ich wollte wissen, was ich brauchte, wenn ich dort selbst ein Boot führen wollte.

Bei meiner Suche stieß ich auf einen Kurs für das kroatische Küstenpatent.

Und ausgerechnet dieser Kurs fand während unserer Urlaubswoche statt.

Das passte.

Also meldete ich mich an.

Einem meiner Kollegen erzählte ich davon.

Er sagte:

Da mache ich mit.

Damit bekam unser Partyurlaub einen etwas eigenartigen Stundenplan.

Während die anderen Urlaub machten, saßen wir über Seekarten.

Knoten.

Navigation.

Theorie.

Vorschriften.

Alles in wenigen Tagen.

Es war intensiv.

Aber je mehr ich lernte, desto klarer wurde mir:

Wenn ich diese Prüfung bestehe, möchte ich daraus auch etwas machen.

Und irgendwann sagte ich zu meinen Kollegen:

„Wenn wir das nächste Mal nach Kroatien kommen, dann kommen wir her, aber nicht mit dem Auto, sondern mit dem Boot.“

Ein Satz, schnell gesagt.

Urlaub.

Gute Stimmung.

Neue Idee.

Man könnte ihn genauso gut vergessen.

Zurück zuhause kommt der Alltag.

Dann wird aus:

„Nächstes Jahr machen wir das“

sehr leicht:

„Das müssten wir irgendwann einmal machen.“

Bei mir blieb der Satz hängen.

Am letzten oder vorletzten Tag der Urlaubswoche stand die Prüfung an.

Ich bestand das Küstenpatent.

Damit hatte sich etwas verändert.

Vorher war das Segeln in Kroatien nur ein Gedanke gewesen.

Jetzt hatte ich die Berechtigung.

Die Erfahrung vom Achensee.

Und einen Satz, den ich großspurig genug ausgesprochen hatte, dass ich ihn nicht einfach vergessen wollte.

„Leute, nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot.“

Auf der Heimfahrt dachte ich noch immer daran.

Denn jetzt kam der schwierigere Teil.

Reden konnte ich.

Die Frage war:

Mache ich es wirklich?

Ich begann kaum zuhause angekommen nach Charterbooten zu suchen.

Alle Teile und Kapitel
  1. Prolog – Ich bin noch unterwegs
  2. Teil I – Bevor das Meer zurückkam
  3. Kapitel 1 – Das will ich auch machen
  4. Kapitel 2 – Wieder auftauchen
  5. Teil II – Nächstes Jahr kommen wir mit dem Boot
  6. Kapitel 3 – Leinen los
  7. Kapitel 4 – Aus einem Törn wird Pirats
  8. Teil III – Menschen an Bord
  9. Kapitel 5 – Wenn Fremde an Bord kommen
  10. Kapitel 6 – Nicole kommt mit
  11. Teil IV – Zwischen Lift und Meer
  12. Kapitel 7 – Die Pirats-Leggings
  13. Kapitel 8 – Da gehöre ich hin
  14. Kapitel 9 – Wenn das Glück auf einen zukommt
  15. Kapitel 10 – Die erste Woche auf Lady Cordula
  16. Teil V – Der eigene Weg
  17. Kapitel 11 – Zwischen Tirol und Kroatien
  18. Kapitel 12 – Pirats ist nicht nur ein Name
  19. Kapitel 13 – Nicht alles muss sofort Sinn ergeben
  20. Kapitel 14 – Der Traum von der Welt
  21. Kapitel 15 – Noch unterwegs
  22. Epilog – Noch nicht angekommen
  23. Über Martin Singer
  24. Pirats of Croatia
  25. Bildnachweise
  26. Impressum / Versionsangabe