Teil III – Menschen an Bord
Kapitel 6 – Nicole kommt mit
Nicole war noch nie auf einem Segelboot gewesen.
Ich fand das zunächst nicht weiter problematisch.
Jeder ist irgendwann zum ersten Mal auf einem Boot.
Nicole selbst sah die Sache etwas vorsichtiger.
Ich musste sie ein bisschen überreden.
Nicht mit großem Druck.
Eher:
Komm einfach mit.
Probier es aus.
Dann weißt du wenigstens, warum ich ständig von diesen Törns erzähle.
Irgendwann sagte sie zu.
Damit war klar:
Nicole kommt mit nach Kroatien.
Für sie war es der erste Segeltörn.
Für mich längst nicht mehr.
Aber das bedeutet auf einem Boot nicht, dass nur der Neuling etwas lernt.
Jeder neue Mensch verändert eine Crew.
Und manchmal zeigt jemand, der zum ersten Mal dabei ist, dem Skipper Dinge, die für ihn längst selbstverständlich geworden sind.
Am Anfang machte es uns das Wetter leicht.
Die Crew passte.
Die Stimmung ebenfalls.
Nicole konnte sich an das Boot gewöhnen.
An die Bewegungen.
An die engen Räume.
An die Abläufe.
Und an eine der wichtigsten Erkenntnisse an Bord:
Dinge bleiben nicht unbedingt dort liegen, wo man sie hingelegt hat.
Solange das Meer ruhig ist, sieht Segeln für einen Anfänger oft ziemlich unkompliziert aus.
Man sitzt draußen.
Schaut aufs Wasser.
Fährt von einem Ort zum nächsten.
Geht schwimmen.
Isst.
Redet.
Vielleicht denkt man irgendwann:
Was hat der Martin eigentlich immer? Das ist doch ganz gemütlich.
Dann ändert sich das Wetter.
Und dasselbe Meer sieht plötzlich völlig anders aus.
Auf dem Weg Richtung Novalja nahmen Wind und Wellen zu.
Nicole wurde nervös.
Dann bekam sie Angst.
Für mich war die Bewegung des Bootes nichts völlig Außergewöhnliches.
Für sie schon.
Und genau darin liegt ein Unterschied, den man als Skipper nicht vergessen darf.
Wenn du viele Stunden auf Booten verbracht hast, gewöhnst du dich an Bewegungen, Geräusche und Situationen.
Jemand, der zum ersten Mal dabei ist, kennt sie nicht.
Der sieht das Boot krängen und denkt vielleicht:
Ist das normal?
Kann das umkippen?
Was passiert jetzt?
Es bringt überhaupt nichts, so jemanden auszulachen oder einfach zu sagen:
„Da ist doch nichts.“
Wenn jemand Angst hat, ist sie in diesem Moment real.
Also redete ich mit Nicole.
Erklärte ihr, was passierte.
Versuchte ruhig zu bleiben.
Und steuerte weiter.
Als wir schließlich sicher an einer Boje lagen, war die Erleichterung deutlich.
Fest.
Motor aus.
Ruhe.
Für Nicole war das Meer für diesen Tag genug gewesen.
Aber genau dieser Törn zeigte auch, warum man eine Woche auf dem Boot nicht auf Wind und Wellen reduzieren kann.
Eine meiner schönsten Erinnerungen begann in einer Bucht.
Auf der anderen Seite beziehungsweise hinter einer Ecke lag eine Konoba.
Von unserem Liegeplatz aus konnte man sie nicht richtig sehen.
Also fuhren Nicole und ich mit dem Dinghy hinüber und schauten nach.
Der Ort gefiel uns sofort.
Abgelegen.
Ruhig.
Keine große Promenade.
Keine Reihe von Lokalen nebeneinander.
Einfach eine Konoba mitten in dieser Umgebung.
Wir beschlossen:
Hier essen wir heute.
Also wieder zurück zum Boot.
Crew holen.
Dann gemeinsam hinüber.
Uns fiel auf, dass ein Teil des Geländes eingezäunt war.
Irgendwann fragten wir nach dem Grund.
Die Antwort lautete sinngemäß:
„Lasst euch überraschen.“
Gut.
Dann warteten wir.
Es wurde langsam Abend.
Wir saßen beim Essen.
Und irgendwann kamen Rehe.
Sie näherten sich dem Gelände und offenbar war das nichts völlig Ungewöhnliches.
Sie wussten ziemlich genau, dass es dort möglicherweise etwas zu holen gab.
Wir konnten ihnen Brot geben.
Teilweise direkt aus der Hand.
Nicole war begeistert.
Eigentlich waren wir nur zum Essen in eine Konoba gefahren.
Und plötzlich standen dort Rehe neben uns.
Solche Dinge kannst du bei einem Törn nicht planen.
Genau deshalb bleiben sie hängen.
Viele Jahre später erinnert man sich vielleicht nicht mehr an jedes Gericht.
Aber man erinnert sich daran, dass plötzlich ein Reh vor einem stand.
Bei Nicole blieb allerdings noch etwas anderes sehr zuverlässig hängen.
Der Rückweg.
Unser Dinghy war für die ganze Gruppe zu klein. Es wäre nicht sinnvoll gewesen, alle auf einmal damit zurückzubringen.
Also sollte ein Teil mit dem Dinghy fahren.
Ich sagte, dass ich zu Fuß zurückgehe.
Nicole kam mit.
Es gab einen Weg durch den Wald beziehungsweise entlang eines Pfades zurück Richtung Bucht.
Kein Problem.
Zumindest theoretisch.
Vorher hatte allerdings jemand erzählt, dass dort schon einmal ein Mensch wegen der vielen Spinnen ziemlich aufgelöst zurückgekommen sei.
Eine ausgesprochen beruhigende Information für Nicole.
Dann wurde es dunkel.
Wir hatten eine Taschenlampe.
Also gingen wir los.
Die ersten Meter funktionierten noch gut.
Dann kamen Spinnennetze.
Eines.
Noch eines.
Und immer mehr.
Teilweise quer über den Weg.
Dazu Spinnen, die für Nicoles Geschmack definitiv nicht klein genug waren.
Irgendwann nahm ich einen Stock und begann, den Weg vor uns freizumachen.
Nicole hielt zunächst die Taschenlampe.
Das Problem war nur:
Der Lichtkegel befand sich überall.
Links.
Rechts.
Oben.
Hinter uns.
Nur erstaunlich selten dort, wo ich gerade sehen musste, wohin ich ging.
Irgendwann sagte ich:
„Hey, du musst nach vorne leuchten, wir müssen ja schauen, wo wir hingehen.“
Das funktionierte ungefähr bis zur nächsten Spinne.
Dann war das Licht wieder überall.
Also nahm ich irgendwann selbst die Taschenlampe.
Nicole blieb dicht hinter mir.
Sehr dicht.
Teilweise hielt sie sich an meiner Kleidung beziehungsweise am Hosenbund fest.
Ich ging vorne.
Stock in der einen Hand.
Taschenlampe in der anderen.
Nicole direkt dahinter.
So arbeiteten wir uns durch den Weg.
Eine halbe Stunde kann ziemlich lang sein, wenn niemand genau weiß, wie viel Weg noch vor einem liegt.
Vor allem nachts.
Mit Spinnennetzen.
Ich hatte nicht dieselbe Angst wie Nicole.
Aber irgendwann wollte auch ich einfach nur noch aus diesem Wald hinaus.
Dann wurde der Weg endlich offener.
Strand.
Wasser.
Unsere Bucht.
Boot.
Fertig.
Später hatten wir eine der Spinnen fotografiert und versucht herauszufinden, welche Art es gewesen sein könnte. Sicher bestimmen konnten wir sie nicht.
Für die Geschichte reicht ohnehin das, was wir sicher wissen:
Es waren viele.
Für Nicole eindeutig zu viele.
Und dieser Waldweg gehört bis heute zu den Geschichten, die sie von ihrem Segeltörn erzählt.
Auch im Wasser gab es für Nicole neue Bekanntschaften.
Einmal schaute sie sich im flachen Wasser kleine Fische an.
Sinngemäß kam die Frage:
„Ach, sind da süße Fische?“
Ich hielt sie damals für Petermännchen und sagte:
„Ach, die greifst du lieber nicht an.“
Mehr musste Nicole dazu nicht wissen.
Anschauen.
Ja.
Anfassen.
Lieber nicht.
Eigentlich eine brauchbare Regel für erstaunlich viele Dinge.
Auf diesem Törn galt sie offensichtlich sowohl fürs Meer als auch für nächtliche Waldwege.
Auf dem Rückweg von Novalja wurde das Wetter wieder unangenehm.
Mehr Wind.
Mehr Welle.
Und für Nicole wieder mehr als genug davon.
Sie bekam erneut Angst.
Ich stand am Steuer und sah mir unsere Möglichkeiten an.
Weiterfahren, nur weil der ursprüngliche Plan das so vorgesehen hatte, ergab für mich keinen Sinn.
Irgendwann dachte ich nur:
„Okay, Scheiße, jetzt müssen wir irgendwo ran.“
Also änderte ich den Kurs.
Schutz suchen.
Eine sichere Bucht finden.
Raus aus der unangenehmen Situation.
Wir fanden einen geschützten Platz mit Boje.
Festmachen.
Motor aus.
Und wieder änderte sich die Stimmung sofort.
Das Boot lag ruhig.
Nicole konnte sich entspannen.
Dann gingen wir an Land.
Und stellten fest, dass aus unserer wetterbedingten Kursänderung etwas entstanden war, das keiner von uns geplant hatte.
Osor.
Ich kannte die Gegend.
Aber diesen Ort hatte ich vorher nie richtig erkundet.
Jetzt liefen wir durch die Gassen.
Alte Häuser.
Stein.
Eine Atmosphäre, die sich völlig anders anfühlte als ein moderner Ferienort.
Wir fanden auch eine alte, teilweise ruinöse Kapelle.
Nicole war begeistert.
Ein paar Stunden vorher hatte sie vermutlich nur gedacht:
Bitte irgendwo hin, wo dieses Boot endlich aufhört, sich so zu bewegen.
Jetzt standen wir an einem Ort, den wir ohne das schlechte Wetter wahrscheinlich gar nicht besucht hätten.
Das gefiel mir an dieser Geschichte.
Nicht das schlechte Wetter.
Nicht Nicoles Angst.
Sondern das, was aus einer vernünftigen Planänderung entstand.
Wir wollten ursprünglich woanders hin.
Dann passten die Bedingungen nicht.
Also änderten wir den Kurs.
Und fanden etwas, das wir überhaupt nicht gesucht hatten.
Genau das passiert beim Segeln ständig.
Eine Route ist ein Plan.
Kein Vertrag.
Wind ändert sich.
Wetter ändert sich.
Eine Crew kann müde sein.
Jemand fühlt sich nicht wohl.
Dann muss man reagieren.
Das bedeutet nicht automatisch, dass der Tag schlechter wird.
Manchmal wird nur ein anderer daraus.
Osor war für mich so ein Beispiel.
Und Nicole wurde auf ihrem ersten Törn gleich ziemlich gründlich gezeigt, wie unterschiedlich eine Woche auf dem Meer aussehen kann.
Ruhiges Wasser.
Wellen.
Angst.
Lachen.
Eine Konoba.
Rehe.
Spinnen.
Fische.
Eine ungeplante Bucht.
Osor.
Genug Material für deutlich mehr Geschichten, als sie vor der Abreise wahrscheinlich erwartet hatte.
Nicole ist seit diesem Törn nicht noch einmal mit mir segeln gegangen.
Leider.
Vielleicht waren die Wellen schuld.
Vielleicht die Spinnen.
Wahrscheinlich eine Kombination aus beidem.
Aber wenn sie heute von dieser Woche erzählt, erzählt sie nicht nur davon, dass sie Angst hatte.
Sie erzählt von den Rehen.
Vom Wald.
Von Osor.
Von Dingen, die sie vorher nicht kannte.
Und vielleicht ist genau das eine gute Beschreibung für einen Törn.
Nicht jeder muss danach Segler werden.
Nicht jeder muss dasselbe darin sehen wie ich.
Es reicht, wenn eine Woche etwas hinterlässt.
Bei Nicole hat sie das definitiv getan.